Notenbanken sind eine Sache der Linguisten

Manche Aussagen der Notenbanker hinterlassen Ratlosigkeit.
Manche Aussagen der Notenbanker hinterlassen Ratlosigkeit.APA/dpa/Boris Roessler

Um Aussagen von Notenbankern richtig zu decodieren, braucht es mitunter Sprachwissenschaftler statt Ökonomen.

So gut wie jede Mitteilung eines Menschen besteht im Groben aus zwei Komponenten: Zum einen aus dem, was expressis verbis gesagt wird, zum anderen aus dem, was gleichzeitig nicht gesagt wird. Herrscht darüber erst einmal Klarheit, beginnt der große Spielraum für Interpretationen.

Dieser ist umso heikler bei Institutionen, deren Statements über Zinsen und Geldmengen entscheiden sowie Konjunktur, Inflation und Finanzmärkte beeinflussen. Nicht zufällig haben sich Notenbanken – vor allem seit ihrem Bedeutungsgewinn nach der Finanzkrise – ein subtiles Vokabular und entsprechende Phrasen angeeignet, um ja keine unerwünschte Reaktion bei den Marktteilnehmern hervorzurufen oder um diese ja nicht zu sehr zu überraschen. Um die Botschaft richtig zu entschlüsseln, braucht es nicht unbedingt Ökonomen, im Zweifelsfall wären Linguisten die tauglicheren Experten. Sie hätten vielleicht im Mai 2013 verhindert, dass der Markt die Botschaft der US-Notenbank Fed dahingehend interpretierte, dass sie ihre Bilanzsumme bald zurückbauen wolle. Wollte sie nämlich nicht bzw. erst, wenn der Leitzins ein gewisses Niveau erlangt hätte. Was sie wollte, war, den Ankauf von Staatsanleihen auslaufen zu lassen und behutsam eine Zinswende einzuleiten. Die Fed-Mitglieder brauchten Monate, um diese Botschaft dann mit erklärenden Reden an die Öffentlichkeit zu bringen.

Bei den Notenbanken ist es wie in der Diplomatie, wo verklausulierend ein positiver Klang erhalten bleiben, mit einzelnen Wortabwandlungen die Aussage für Eingeweihte aber substanziell verändert werden sollte. So hat die Europäische Zentralbank (EZB) in der Vergangenheit etwa Zinserhöhungen für die nächste Ratssitzung öfter so angedeutet, dass sie von „hoher Wachsamkeit“ hinsichtlich der Inflationsgefahren sprach. Sagte sie „erhöhte Wachsamkeit“, stand eine Zinserhöhung frühestens bei der übernächsten Ratssitzung an.

Am Donnerstag fiel die EZB nun insofern auf, als sie auf die zuletzt übliche Formulierung verzichtete, dass die Notenbank ihre milliardenschweren Anleihenkäufe ausweiten könnte, sollten sich die Rahmenbedingungen verschlechtern. Auf dem Markt wird das als Signal der Vorbereitung für einen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik interpretiert. Das Kaufprogramm selbst bleibt vorerst aufrecht, der Leitzins ebenso auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Die Miniabkehr vom ultralockeren Kurs ließ Anleger am Donnerstag kalt. Ganz wie es die EZB beabsichtigt hatte. (Est)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2018)