ORF-Debatte zu 1938: Vereinfachung, Liederbücher und Flüchtlinge

Im Zentrum mit Arik Brauer, Wolfgang Sobotka, Moderator Tarek Leitner, Heinz Fischer, Barbara Glück und Oliver Rathkolb.
Im Zentrum mit Arik Brauer, Wolfgang Sobotka, Moderator Tarek Leitner, Heinz Fischer, Barbara Glück und Oliver Rathkolb.Screenshot tvthek.orf.at

TV-NotizDie Debatte zur Verführbarkeit der Österreicher führte bei "Im Zentrum" zum Flüchtlingsthema. Arik Brauer sagte, dass er vor Rechten weniger Angst habe als vor Einwanderern.

Wie verführbar sind wir heute? Eine Frage, die zum 80. Jahrestag des "Anschlusses" Österreichs an Nazi-Deutschland im Jahr 1938 nahe liegt. Wie würden die Österreicher im März 2018 in einer ähnlichen Situation reagieren wie damals? Sind die Österreicher mittlerweile sensibilisiert gegen autoritäre Tendenzen?

Künstler Arik Brauer stellte am Sonntag Abend bei "Im Zentrum" als Zeitzeuge gleich zu Beginn klar, dass dasselbe nicht mehr passieren würde. Aber dass dieselbe Problematik bestehen bleibe, dass "wir eine Sehnsucht haben nach einfachen Lösungen." Was Historiker Oliver Rathkolb wissenschaftlich untermauerte. So sei die generelle Zustimmung zur Demokratie als bester Staatsform zwischen 2007 und 2017 gesunken, gleichzeitig gebe es eine starke Tendenz in Richtung einer Führerpersönlichkeit, die sich nicht um Wahlen und Parlament kümmern müsse.

Ein Gedenkstättenbesuch allein reicht nicht

Der Ball ging weiter an Barbara Glück, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, ob man gegen dieses Phänomen mit dem Besuch von Gedenkstätten vorgehen könnte. Nun, danach sei man nicht "geheilt" von jeder Form des Antisemitismus. Man brauche Vor- und Nachbereitung, müsse Bezüge zur heutigen Zeit herstellen. "Es kann nicht die Lösung sein, dass man alle nach Mauthausen schickt und dann ist alles wieder gut."

Zu diesem Zeitpunkt ging es um die Liederbücher von Burschenschaften mit antisemitischen Texten. "Es wird immer einen latenten Antisemitismus als Bodensatz geben", sagte der ungewohnt sanft auftretende, offenbar in seine neue Rolle als Nationalratspräsident findende Wolfgang Sobotka. Und dass die Gesellschaft die Lektion aus der Geschichte sehr wohl gelernt habe. Das war der Punkt, an dem Arik Brauer ausholte - als Jude sei ihm das "ziemlich wurscht". Es gebe ja fast keine Juden mehr in Österreich. Das Lied, von dem zuletzt so viel geredet wurde, beinhalte ja "immerhin das Zugeständnis, dass sechs Millionen Juden vergast wurden". Viel mehr Sorgen bereite ihm die Einwanderung.

Ein Punkt, an dem Altbundespräsident Heinz Fischer seinen "Freund Arik" ein wenig zu bremsen suchte. Dass man nicht der Einwanderung die Schuld für alles geben dürfe. Und dass man so wie schon 1956 und 1968 mit Menschen, die ihre Heimat verlassen müssten, mit "vernünftigen Maßnahmen" umgehen könne. Doch Brauer blieb bei seiner Argumentation - dass es eine Viertelmilliarde Araber gebe, die die Juden am liebsten "am Grund vom Mittelmeer" sehen würden. "Wenn mich einer umbringen will, dann sicher nicht einer dieser Fechter", meinte er in Richtung Burschenschaften.

Fischer: "Parteipolitische Munition"

Und plötzlich war die Debatte über die Verführbarkeit der Österreicher beim Flüchtlingsthema gelandet. Und so sprang Sobotka dem Künstler zur Seite: "Ich pflichte ihm ein bisschen bei." Und brachte die "unkontrollierte Zuwanderung" ins Spiel, die das Bild in der Öffentlichkeit gewandelt habe.

Moderator Leitner versuchte das Thema wieder in Richtung der Ausgangsfrage zu drehen - mit der Frage, warum es nun eine Lücke gibt, in der antidemokratische Positionen Platz haben. Das Thema sei "etwas breiter, als wir es hier diskutieren", meinte auch Historiker Rathkolb. Nur um die Debatte dann gleich um noch zwei Grade zu erweitern: auf den Hass im Netz und neue Möglichkeiten, permanent Verhetzung zu kommunizieren. "Da ist die Migrationsdebatte eine unter vielen."

Heinz Fischer lenkte das Thema schließlich zur Absage an den überspitzten Nationalismus und ein Bekenntnis zu Europa, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt habe. Wenn auch derzeit diese positiven Tendenzen schwächer werden - "und umgekehrt nationalistische und fremdenfeindliche Positionen verstärkt in das politische Leben eingreifen". Es sei eine konkrete Aufgabe, die Demokratie zu verteidigen, die Menschenwürde hochzuhalten und in der Frage der Flüchtlingsthematik faire Lösungen anzustreben. Und sich dagegen zu wehren, daraus "parteipolitische Munition zu kreieren".

Brauer: "...dass der Großvater ein Verbrecher war..."

Was kann man am Ende also von den Ereignissen 1938 für heute lernen? Dass die Politik intensiver hören müsse, was Menschen unter die Haut geht, wie Sobotka es formulierte. Aber auch, wie Barbara Glück meinte, dass man einen Bezug von damals zu heute schaffen müsse. "Junge Menschen fragen sich: Wie kann es sein, dass Millionen Menschen heute vertrieben und ermordet werden?" Es gehe dabei auch darum zu zeigen, dass "Mauthausen nicht 1938 vom Himmel gefallen" sei.

Brauer lieferte schließlich den emotionalsten Moment der Debatte, als er Tarek Leitners Frage beantwortete, ob Gedenkjahre wie heuer eine gewisse Ritualisierung in sich tragen. Man müsse aufpassen, so Brauer, dass es nicht kontraproduktiv wird. "Wie oft wollen sich die Menschen noch anhören, dass der eigene Großvater ein Verbrecher war. Natürlich war er's." Aber man müsse die Geschichte auch klug und gefühlsmäßig präsentieren: "Ich möchte nicht, dass die Erstickungsqualen meines Vaters in der Gaskammer für irgendeine politische Tagesgeschichte verwendet wird."

"Wir geben keine Antwort"

Die im Sendungstitel gestellte Frage, wie verführbar wir heute sind, ob etwas wie 1938 und in den Jahren danach wieder passieren könnte, blieb letztlich unbeantwortet. Was vielleicht gut ist. Zumindest, wenn man sich Glücks Plädoyer für die Arbeit in der Gedenkstätte Mauthause zu Herzen nimmt: "Wir geben keine Antwort. Wir haben unser Ziel erreicht, wenn die Leute mit mehr Fragen als vorher nach Hause kommen, wenn sie beginnen, kritisch nachzudenken."

 

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