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Russland bestreitet Entwicklung von Nervengift Nowitschok

Premnierministerin May besuchte am Donnerstag Salisbury, wo der Ex-Agent und dessen Tochter gefunden wurden
Premnierministerin May besuchte am Donnerstag Salisbury, wo der Ex-Agent und dessen Tochter gefunden wurdenREUTERS
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Weder die Sowjetunion noch Russland sollen den Kampfstoff je hergestellt haben. Die britische Regierung will internationalen Experten die Analyse des Nervengifts ermöglichen.

Deutschland, Frankreich und die USA haben sich im Fall des Giftanschlags in England auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal hinter Großbritannien gestellt und in ungewöhnlich scharfen Worten von Moskau Aufklärung verlangt. "Es handelt sich um einen Übergriff gegen die Souveränität des Vereinigten Königreichs", erklärten die Staats- und Regierungschefs am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung.

"Ein solches Vorgehen verletzt eindeutig die Bestimmungen des Chemiewaffenübereinkommens und das Völkerrecht. Es bedroht unser aller Sicherheit."

Großbritannien habe im Detail dargelegt, dass Russland mit hoher Wahrscheinlichkeit die Verantwortung für den Anschlag trage. "Wir teilen die Einschätzung des Vereinigten Königreichs, dass es keine plausible alternative Erklärung gibt." Zudem stelle man fest, dass Russlands Weigerung, auf die berechtigten Fragen Londons einzugehen, "einen zusätzlichen Anhaltspunkt für seine Verantwortlichkeit ergibt".

Vizeaußenminister dementiert Nowitschok-Entwicklung

Die britische Regierung verdächtigt Russland, an dem Anschlag auf Skripal und dessen Tochter beteiligt gewesen zu sein. Nach britischen Angaben wurden sie Opfer des Nervengifts Nowitschok, das in der früheren Sowjetunion entwickelt worden war.

Russland kündigte an, schnell auf die britischen Sanktionen zu reagieren und bald ebenfalls Diplomaten der Briten ausweisen zu wollen. Zudem überraschte Vize-Außenminister Sergej Riabkow mit der Behauptung, Russland oder die UdSSR hätten das Gift Nowitschok nie hergestellt. Es habe Programme zur Entwicklung chemischer Stoffe dieses Namens nie gegeben. Tatsächlich hatten russische Wissenschaftler aber schon 1991/92 die Existenz dieser Substanzen bzw. die Forschung daran enthüllt. Einer der Forscher wurde damals sogar selbst Opfer dieser Chemikalien, die auf grauenhafte Weise töten können.

Die britische Regierung will nun internationalen Experten eine Analyse des Nervengifts ermöglichen, mit dem der russische Ex-Agent Sergej Skripal angegriffen worden sein soll. Dafür solle der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) die Möglichkeit gegeben werden, die Ergebnisse der britischen Ermittler zu überprüfen, schrieb der britische Außenminister Boris Johnson in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Freitagausgabe) laut Vorabbericht.

Moskau soll Nowitschok-Programm offenlegen

"Unsere Besorgnisse werden angesichts früherer Fälle verantwortungslosen russischen Verhaltens auf weiteren Feldern verstärkt", schreiben die Staats- und Regierungschefs. Moskau wird aufgerufen, seiner Verantwortung als Mitglied des UNO-Sicherheitsrates gerecht zu werden, den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit aufrecht zu erhalten. Von Moskau wird zudem verlangt, zu allen Fragen Stellung zu nehmen, die mit dem Anschlag in Salisbury verbunden seien. Russland solle insbesondere das Programm im Zusammenhang mit dem Nervengift Nowitschok der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) in Den Haag offen legen.

Der Einsatz eines militärischen Nervenkampfstoffs eines Typs, wie er in der Sowjetunion entwickelt worden war, stelle "die erste offensive Anwendung eines solchen Nervengifts in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg dar", schreiben die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Emmanuel Macron, US-Präsident Donald Trump und die britische Premierministerin Theresa May. (Anmerkung: Im Zweiten Weltkrieg gab es in Europa allerdings keinen militärischen Einsatz solcher Gifte, obwohl sie etwa in Deutschland und der UdSSR durchaus erzeugt wurden).

Nato: "typisch Russland"

Auch die Nato hat keine Zweifel, dass Moskau für den Anschlag auf Skripal verantwortlich ist, und sieht darin den Versuch, den Westen zu destabilisieren. Die Attacke entspreche dem rücksichtslosen Verhalten Russlands in den vergangenen Jahren, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Donnerstag in Brüssel. Für Montag kündigte Stoltenberg ein Treffen mit dem britischen Außenminister Boris Johnson an. London könne sich auf die Nato verlassen. Bisher gebe es allerdings noch keine Anfrage aus London, den Bündnisfall laut Nato-Vertrag mit der daraus resultierenden gegenseitigen Beistandspflicht auszurufen, so Stoltenberg

Skripal (66) und dessen Tochter Julia (33) sind weiterhin in kritischem Zustand. Nach britischen Angaben wurden sie Opfer des Nervengifts Nowitschok, das in der Sowjetunion entwickelt worden war.

Russland weist die Vorwürfe zurück. Ein britisches Ultimatum zur Aufklärung der Herkunft des Gifts hatte Moskau verstreichen lassen. Das Gift wurde in der Sowjetunion, und so viel man weiß nur dort, hergestellt. Am Mittwoch hatte die britische Regierung unter anderem angeordnet, dass 23 russische Diplomaten das Land binnen einer Woche verlassen müssen. Als nächstes könnten reiche Russen in Großbritannien mit Verbindungen zu Präsident Wladimir Putin ins Visier kommen. Die Behörden könnten von ihnen etwa Auskunft über die Herkunft ihres Vermögens verlangen, sagte Außenminister Boris Johnson.

Briten bauen Chemiewaffen-Abwehrzentrum

Am Donnerstag besuchte Premierministerin Theresa May erstmals den Schauplatz des Anschlags in Salisbury; die Stadt ist in der Nähe der Ruinen von Stonehenge. Das Verteidigungsministerium kündigte an, tausende Soldaten gegen Anthrax impfen zu lassen. Die Erreger von Anthrax (Milzbrand), Bakterien, gelten als potenzielle Biowaffen. Zudem werde in London ein hochmodernes Zentrum zur Verteidigung gegen Chemiewaffen errichtet.

"Wenn wir an der Bedrohung für unsere Bevölkerung durch Russland zweifeln, müssen wir nur auf das schockierende Beispiel der rücksichtslosen Attacke in Salisbury schauen, sagte Verteidigungsminister Gavin Williamson einem Redetext zufolge. Das Zentrum zur Verteidigung gegen Chemiewaffen wird auf dem Forschungsgelände Porton Down in der südenglischen Grafschaft Wiltshire entstehen. Auf dem Areal wird auch militärisch geforscht.

Im UN-Sicherheitsrat in New York hatten sich Großbritannien und Russland bei einer Sondersitzung am Mittwoch einen Schlagabtausch geliefert. Premierministerin May sorge für eine "hysterische Atmosphäre", sagte der russische UNO-Botschafter Wassili Nebensja. London werde sich nicht von Moskaus "Leugnungen, Ablenkungen und Drohungen" beirren lassen, so der britische UNO-Botschafter Jonathan Allen.

(APA/Reuters)