Schnellauswahl

„Erogene Zonen“ der Architektur

Ein junger, unbefangener Blick auf Peichls Werk von der deutschen Fotografin Pola Sieverding zeigt es klassisch nüchtern: hier das Rehabilitationszentrum Meidling (1965–1967), fotografiert 2018.
Ein junger, unbefangener Blick auf Peichls Werk von der deutschen Fotografin Pola Sieverding zeigt es klassisch nüchtern: hier das Rehabilitationszentrum Meidling (1965–1967), fotografiert 2018.Pola Sieverding, Berlin
  • Drucken

Am Sonntag feiert Gustav Peichl seinen 90. Geburtstag. Das MAK erinnert uns mit einer Ausstellung über 15 seiner Bauten daran, was wir an ihm haben.

Sein Überschwang in Streit und Zuneigung, seine runde Brille, die spitz-zittrige „Ironimus“-Feder, der architektonische Signaturstil voll Sinn, Sinnlichkeit und Ironie – es ist schwer, nicht das Typische an Gustav Peichl zu suchen, ihn nicht auf das österreichische Original reduzieren zu wollen, das er ist. Andererseits: Bei ihm war eben nie etwas lauwarm, sondern ähnlich wie bei seinem kongenialen Partner bei den ORF-Studio-Aufträgen, Gerd Bacher, alles auf Intensität, auf Leidenschaft gepolt. Leben und Werk sind dabei nicht zu trennen – und an beiden sind die Zeiten, in denen sie stattfanden, nicht spurlos vorbeigegangen.

Da sitzt „der Peichl“ jetzt also auf einem Roland-Rainer-Stadthallensessel (in dessen Atelier er als Junger arbeitete), gefasste 90 Jahre alt, und lauscht entzückenden Worten von MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein und Kuratorin Kathrin Pokorny-Nagel. Und gibt diese, alte Schule, ebenso entzückend zurück (auch wenn er und wir uns denken könnten – zum 90er, da hätte man auch die MAK-Halle füllen können, nicht nur den Kunstblättersaal). Aber diese Hierarchien sind zum Brechen da, man dehnte sich also aus – im Umgang der Säulenhalle hängen zusätzlich zu den Plänen und Zeichnungen von 15 ausgewählten paradigmatischen Peichl-Bauten beeindruckende großformatige Fotos der jungen deutschen Fotografin Pola Sieverding. Mit unbefangenem Blick zeigt sie eine Seite an ihnen, die man nicht immer im Fokus hat: in den schwarz-weißen Detailaufnahmen wirken sie zeitlos, nüchtern, mächtig. Nicht so verspielt, ja postmodern, wie man ihn zu seinem Grausen schnell abstempelt. „Klassisch modern“, meint er dazu nicht ohne Schmunzeln, das sei die Kategorie, in der er leben könne.

 

Historischer Zeitgeist

Um das zu teilen, muss man sich schon ein wenig einschwingen in die Pläne und Zeichnungen dieser 15 Bauten, die man hier aus den insgesamt 70 realisierten einer 50-jährigen Karriere destilliert hat, schöpfend aus Peichls Archiv, das er zum österreichischen Teil dem MAK, zum deutschen Teil (Kunsthalle Bonn, Münchner Kammerspiele etc.) der Berliner Akademie der Künste geschenkt hat. Musealisierter Zeitgeist – und das ist nicht modisch gemeint, sondern historisch. Denn Peichls Bauten dokumentieren auch die repräsentativen Aufgaben der 70er- bis 90er-Jahre, und haben unser Bild davon wesentlich geprägt. Am klarsten wird das mit den ORF-Landesstudios, die er vor allem in den 1970er-Jahren gebaut hat. Ihre Logo-artige runde Tortenform, das Silber der dicken, glänzenden Installationsröhren, die sich durch das Innere ziehen, stehen sinnbildlich für den so starken wie dominanten ORF, mit dem Generationen aufwuchsen.

Dass Peichl hier Architekturgeschichte schrieb, die etwa mit Richard Rogers Centre Pompidou zu messen ist, wo ebenfalls die Technik freigelegt und ästhetisch benutzt wurde, ist hier wenig bekannt. Vielleicht liebäugelte Peichl hier und da ja mit der eklektizistischen Dekorfreude der Postmoderne. Vor allem aber war er Individualist – mit Hang zum ironischen Zeichen, zum Schwung, zum Spitz und zur architektonischen Skulptur an sich, in einer Tradition stehend mit Hans Hollein und Walter Pichler, und einer noch viel älteren Wiener Eigenart, der Verschmelzung von bildender und angewandter Kunst einer Secession und eines Josef Hoffmanns im Speziellen.

Umgelegt wird diese Freude an der Gestaltung von Form, Material, Farbe, Licht auf die Funktionen einer neuen Zeit, auf Kindergärten, Hochhäuser oder Umwelttechnikanlagen wie die zur Klärung des Tegeler Sees. Postmodern trifft das alles nicht. Peichl beschränkte sich nicht auf die Verzierung. Er gab dem Verspielten Nutzen und dem Nutzen das Verspielte. „Erogene Zonen“ also, wie sie im Buche stehen, in Peichls Skizzenbuch. Er hat sie am architektonischen Körper erforscht. Mit viel Lust und wohl auch ein bisschen praktischem Leiden.

Gustav Peichl. 15 Bauten zum 90sten. Bis 19. August. Di 10–22h, Mi–So 10–18h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2018)