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Wie Wildtiere die Großstadt erobern

Ein Fuchs in Ottakring.
Ein Fuchs in Ottakring.(c) wienerwildnis.at
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Jene Rotte Wildschweine, die sich nahe einer Siedlung im 22. Bezirk niedergelassen hat, ist eher die Ausnahme: Das Nebeneinander von Menschen und wilden Tierarten wie Füchsen funktioniert in Wien weitgehend problemlos.

Die meisten bleiben unbemerkt. Man sieht sie nicht, hört sie nicht. Wenn überhaupt, bemerkt man im Nachhinein, dass sie da waren: umgekippte Mülltonnen. Ein Garten, der aussieht, als wäre jemand mit einem Pflug durchgefahren.

Letzteres Szenario haben vermutlich Wildschweine verursacht. Wildschweine sind wohl die auffälligsten jener Wildtiere, die die Großstadt Wien als Lebensraum erobert haben – und auch jene, die am ehesten Probleme machen. Derzeit ist es eine Rotte – wie eine Gruppe Wildschweine im Fachjargon heißt –, die sich im 22. Bezirk beim Biberhaufenweg niederlassen will. Die MA49 (Forst und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt) greift nun ein: Zu nahe sind die rund 15 Tiere dem bewohnten Gebiet gekommen. Da Jagen im dicht besiedelten Gebiet nicht infrage kommt (und Wildschweine, da die Bachen derzeit Frischlinge zur Welt bringen, momentan sowieso nicht abgeschossen werden dürfen), hilft sich die MA49 mit Lebendfallen weiter.

Entwickelt wurden die Fallen in Absprache mit Tierschützern und Veterinärmedizinern: Mit einem Apfel werden die Tiere hineingelockt. „Die Fallen sind abgedunkelt, weil die Tiere bei Licht hektisch werden“, sagt Forstdirektor Andreas Januskovecz. Ausgelassen werden die Tiere wieder im Wienerwald – nur die Bachen werden gleich wieder freigelassen, um sie nicht von ihren Frischlingen zu trennen.

Auch beim AKH kamen schon Lebendfallen zum Einsatz, um die Füchse, die von den Küchenabfällen angezogen wurden, abzusiedeln. Sonst sind Eingriffe eher die Ausnahme, denn: Das Nebeneinanderleben von Mensch und Tier im Großstadtraum funktioniert weitgehend problemlos. Allerdings, sagt Januskovecz, sei die Aufklärung der Bevölkerung wichtig. „Sieht jemand ein wildes Tier, wird das oft als Gefahr wahrgenommen. Dabei besteht keine Gefahr.“ Sofern man ruhig bleibt, das Tier nicht in die Enge treibt oder reizt. Und auch nicht füttert, sonst wird man es nicht mehr los.

„Eigentlich“, sagt der Forstdirektor, „ist es sogar eine Auszeichnung für Wien, dass so viele Wildtiere hereinkommen. Es zeigt, dass sie sich hier wohlfühlen und wir einen hohen Grünraumanteil haben.“ Zudem haben Tierarten wie Fuchs („Es gibt irrsinnige viele Füchse in Wien“) oder Dachs in der Stadt kaum Feinde, finden viel Nahrung – und können sich bestens an die Bedingungen im urbanen Raum anpassen. „Füchse brauchen nicht zwangsläufig einen Erdbau“, sagt Richard Zink vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Vet-Med-Uni Wien. „Der Fuchs kann so gut jagen wie ein Hund und so gut klettern wie eine Katze. Für ihn ist es etwa ein Kinderspiel, auf Dächer hinaufzukommen.“

Wildschweine können, sagt Januskovezs, sogar schwimmen und durchqueren mitunter die Donau, um in den Prater zu gelangen. Im Vorjahr wurde auf dem Ring ein Reh überfahren – offenbar waren Rehe vom Prater über eine der Brücken zum Stadtpark gegangen.

Seit Mitte 2015 dokumentiert das Forschungsinstitut für Wildtierkunde Sichtungen von Wildtieren: darunter Fischotter, Steinmarder, Rehe. Tatsächlich gibt es noch viel mehr Tierarten, die aber (noch) weniger auffallen: wie die Zwergohreule oder die Grillenart Weinhähnchen, die aus dem mediterranen Raum kommt, „mittlerweile aber jedem Heurigenbesucher vom Klang her bekannt ist“. Stark zugenommen hat die Zahl der Krähen, vor allem am Stadtrand. Weshalb, so Zink, in den nächsten Jahren wohl Beutegreifer wie der Uhu zuziehen werden, auf deren Speiseplan Krähen stehen.

Das Buchcover.(c) wienerwildnis.at

Schätzungen, wie viele Wildtiere es in Wien tatsächlich sind, seien aber nicht seriös, sagt Zink. Auch die Fotografen Georg Popp und Verena Popp-Hackner dokumentieren seit fünf Jahren Wildtiere in der Stadt, soeben haben sie dazu das Buch „Wiener Wildnis“ herausgebracht. Überraschende Tierarten gebe es für ihn nicht mehr, sagt Popp. „Vom Fischotter über Eisvogel und Graureiher haben wir viel entdeckt.“ Überraschend sei vielmehr, wo sie überall auftauchen, „sogar beim Stephansdom. Das würde man doch nicht vermuten.“ Schön sei, sagt Popp, dass Wien den Wildtieren entspannt gegenüberstehe. In anderen Bundesländern werden Tiere wie der Fischotter gejagt. In Wien, wo es weit weniger natürlichen Lebensraum für die Tiere gibt, „sind die Menschen und auch die Verwaltung den Tieren eigentlich sehr positiv gesinnt“.

Gesucht

Tierbeobachter: Das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Vet-Med Uni ruft Stadtbewohner (nicht nur in Wien!) dazu auf, Sichtungen von Wildtieren zu melden: Die Beobachtungen können auf www.stadtwildtiere.at eingegeben werden.

ERSCHIENEN

„Wiener Wildnis“
von Verena Popp-Hackner und Georg Popp, 256 Seiten, ca. 300 Farbfotos, ist um 49 Euro im Buchhandel oder per E-Mail an office@popphackner.com erhältlich.

Mehr Infos unter: www.wienerwildnis.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.03.2018)