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Kakanien: Zwei saftige Früchte aus dem Osten

S. Zhadan (Ukraine) und M. Hvorecký (Slowakei) treten am Montag im Akademietheater auf.

Am 15. Februar kommen ein Ostukrainer und ein Westslowake nach Wien. Das mag für viele wie eine Drohung klingen, es handelt sich aber um zwei Stars der europäischen Literatur. Beide sprechen Deutsch, beide haben eine Beziehung zu Wien, beide sind bei renommierten deutschen Verlagen unter Vertrag. Ansonsten verbindet die recht konträren Schriftsteller noch die Jugend: nicht nur, weil beide dynamische Mittdreißiger mit Potenzial zur Groupie-Bildung sind, sondern weil sie aus jungen, 1991 und 1993 unabhängig gewordenen Nationen kommen. Der Kanon der ukrainischen und der slowakischen Nationalliteratur ist mager, im Garten der ukrainischen und slowakischen Sprache lassen sich noch viele unbekannte Früchte ziehen.

Dass aus Serhij Zhadan kein Sergej, sondern ein Ukrainisch schreibender Dichter wurde, darf als ein Wunder gelten. Dieser Serhij kommt aus einer durchgehend russischsprachigen Stadt, die er Charkiw nennt und der Rest der eineinhalb Millionen Einwohner Charkow. 1974 im tieföstlichen Starobilsk geboren, ragt er als Solitär aus der westukrainisch dominierten Literatur seines Landes hervor. An der Seite seiner saufenden und kiffenden Transformations-Loser-Helden durchmisst er Ostregionen wie das Kohlerevier Donbass, das seine galizischen Kollegen nur vom Beschimpfen kennen.

Der Lyriker und Prosaist Zhadan, der Charles Bukowski und Paul Celan übersetzt hat, drückt sich in einer harten, saftigen, expressiven und doch zärtlichen Sprache aus. In seinem zuletzt bei Suhrkamp erschienenen Buch „Hymne der demokratischen Jugend“ beschreibt er den Tod als einen Vorgang, „dich zu löschen wie eine Datei und auszubrennen wie einen subkutanen Eiterherd, warum verzieht sich das Leben, an dem du gerade noch unmittelbar teilgenommen hast, wie das Meer in östliche Richtung, eilig entfernt es sich, und zurück bleibt die Sonne deines langsamen Sterbens“. 2004 zählte Zhadan zu den Anführern der Orangen Revolution in Charkow, grundsätzlich sagt er aber über sich: „Ich habe keine politischen Überzeugungen.“ Am ehesten ließe er sich als linker Anarchist einordnen; zumindest brachte die bäuerlich-ukrainische Anarchistenrepublik, im Bürgerkrieg von der Sowjetmacht hinweggefegt, Zhadans ungewöhnliches Reisebuch „Anarchy in the UKR“ hervor; das Experiment des ausschweifenden Anarchisten Machno beschäftigt den Autor weiter.

 

Mehr homosexuelle Minister!

Zhadan ist ein musikalischer Autor. Eines seiner Bücher heißt „Depeche Mode“, er tritt gerne mit einer Ska-Gruppe und auf Musikfestivals auf. Sein slowakischer Konterpart Michal Hvorecký, 1976 in Bratislava geboren, teilt diesen Hang zum Pop. In sehr jungen Jahren hat er „Wilsonic“ mitbegründet, ein „Urban Music“-Festival in Bratislava. Der Romanautor, Kolumnist und Dramatiker engagiert sich auch direkt politisch. In Zeitungsbeiträgen und in seinem Blog attackiert der begeisterte Anhänger des Web2.0 die wenigen Politiker, die in der Slowakei noch christlich-konservative Positionen vertreten, seine Interventionen polarisieren Feind und Freund. Hvorecký ist ein eingefleischter Liberaler, neben Radwegen und Rauchverboten wünscht er sich homosexuelle Minister und eine freie Marktwirtschaft. In seiner unterhaltsam-verspielten Prosa treibt er den Kapitalismus auf die Spitze, keineswegs von linker Systemkritik getrieben, sondern von Lust.

Seine bisherigen Erzählungen und Romane weisen häufig Züge von Science-Fiction auf, möglicherweise eine narrative Flucht aus der dem Autor immerzu rückständig erscheinenden Slowakei. Bislang waren Hvoreckýs Helden jung. Die männliche Hauptfigur von „City“ ist süchtig nach Internetpornografie, „Eskorta“ ist die Geschichte eines mindestens metrosexuellen Slowaken, der sich als international einsetzbarer Callboy bewährt.

Mit seinem eben abgeschlossenen Roman, der im Frühjahr auf Slowakisch erscheint, betritt der gelegentlich immer noch unter Jugendliteratur gehandelte Hvorecký Neuland – „Donau in Amerika“handelt von amerikanischen Pensionisten. Obwohl er seit Langem der international anerkannteste slowakische Autor seiner Generation ist, ging Hvorecký eine Zeit lang einem Nebenjob nach, war „Tour-Manager“ bei amerikanischen Donaukreuzfahrten. Nicht nur wurde daraus ein vielversprechender Roman, von den Gagen zahlte der lebensschlaue Hvorecký seine kleine Wohnung im Zentrum von Bratislava ab.

 

Superstars in ihren Heimatländern

Beide, der Ostukrainer und der Westslowake, sind in ihren Heimatländern Superstars der Literatur. Eine Spezialität dieser jungen Nationalliteraturen ist freilich auch, dass durchaus nicht jeder Ukrainer Zhadan und durchaus nicht jeder Slowake Hvorecký kennt. Was die Slowakei betrifft, so ist in keinem mitteleuropäischen Land das Interesse an der eigenen Kultur und Literatur so gering. Man findet selbst gebildete Slowaken, die mit einem eigentümlichen Stolz erklären, dass sie noch nie ein Buch von einem slowakischen Autor gelesen haben. In der Ukraine wiederum lesen die meisten lieber Russisch; trotz der leuchtenden Pionierarbeit des großen Jurij Andruchowytsch werden ukrainischsprachige Bücher von vielen nicht angerührt. Mit den russischen Übersetzungen seiner Werke entkommt Zhadan zumindest ansatzweise dem Makel der Provinzialität, der ukrainischen Büchern immer noch anhaftet.

Der Kampf um Leser, die nie zuvor etwas Ukrainisches oder Slowakisches gelesen haben, macht aber gerade das Junge an Zhadan und Hvorecký aus: Sie denken sich nicht bloß Geschichten aus, ein Stück weit erfinden sie die ukrainische und slowakische Literatur.

AKADEMIETHEATER

Montag, 15.2., 20 h, findet die vierte Folge von „Kakanien – Neue Republik der Dichter“ statt: Es reden die jungen Autoren Michal Hvorecký und Serhij Zhadan, moderiert wird diese Kooperation mit der Erste Stiftung von „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker. Karten: 514-44-41-40

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2010)