Der letzte Ball des Herrn Direktor

Ioan Holender
Ioan Holender(c) APA
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Opernball 2010. Hausherr Ioan Holender sang, Spontangast Dieter Bohlen legte zum ersten Mal einen Frack an – und auch die Politiker kamen wieder.

Er regt einfach nicht mehr auf. Die Demonstranten bleiben zu Hause, weil sie nicht gegen ein solches „Kasperltheater“ demonstrieren wollen. Der Andrang der  Autogrammjäger am Ring hielt sich im Schneegestöber in Grenzen. Und sogar der ORF, der zwar erneut „live“ aus der Oper berichtet, hat heuer nicht einmal mehr einen „Club 2“ zum Thema angesetzt. Wozu auch? Worüber soll man angesichts des Opernballs noch diskutieren?

Die Geister scheidet der Staatsball freilich immer noch. Ein bisschen. Die einen wollen auch an dessen 54. Auflage teilnehmen. Wenn schon nicht als zahlender Gast (um 230 Euro wäre man dabei) in der Oper, so zumindest vor dem Fernsehgerät. Die anderen möchten am liebsten gar nichts mehr von den Ja-, Nein-, Vielleicht-Protagonisten von A wie Alfons (Haider) bis Z wie (Arigona) Zogaj wissen. Auch wenn das in dieser Woche – trotz Olympia-Start, Extremschneefall und Mensdorff-Entlassung – sehr schwer fällt. Wie ambivalent das Verhältnis der Österreicher zum Staatsgewalze mit immer weniger Glamourfaktor ist, zeigt der Hausherr der Oper.

Der wurde auch heuer in seinem elften und letzten Balljahr nicht müde, kurz davor grantelnd aufzufallen. Die Oper sei kein Ort für Bälle, sagte er dem ORF-Spaßradio. Um dann gestern Abend erst recht im Mittelpunkt zu stehen. Und nicht nur er: Auch seine Familie spielt ihren Part bei der 40-minütigen Eröffnung. Sohn Liviu debütiert mit Nichte Andrina, Tochter Alina singt im Chor und reicht ihrem Papa ein Glas Champagner. Und dann spricht der Direktor, der im Sommer nach 19 Amtsjahren abtreten wird, zum ersten Mal zu seinem Publikum und den Ensemblemitgliedern des Hauses, die davor in einem stimmigen Medley Arien und Lieder aus 11 Opern und zwei Operetten intoniert haben. Er dankt Künstlern wie Publikum und stimmt die „Champagner-Arie“ aus der Operette „Die Fledermaus“ an – mit dem leicht abgewandelten Text: „Ich freu mich aufs neue Leben! Stoßt an! Stoßt an!“ Dann badet der Direktor noch einmal in der Menge „seiner“ Künstler und strahlt – echter Widerwille sieht anders aus.

Das Haus will diesmal sichtlich zeigen, was es kann. Nicht große Stars – wie in früheren Jahren Anna Netrebko und José Carreras – singen auf, sondern jene Künstler, die die Oper das ganze Jahr ausmachen. Der polnische Pianist Krzysztof Jabloński spielt auf einem Bösendorfer-Flügel mitten auf dem Parkett Frédéric Chopin, der heuer 200. Geburtstag feiert. Das Staatsopernballett tanzt dazu um und auf (!) dem Piano – in tiefroten Trikots, die an die Farbe der Bühnenvorhänge erinnern. Auch die Eleven und Elevinnen der Ballettschule der Staatsoper springen und hüpfen zu Chopin, und zwar zu dessen Minutenwalzer.

Die Debütanten haben da ihren großen Auftritt – zur „Warschauer Polka“ von Johann Strauß Sohn – noch vor sich. Die Choreografie, die die 144 Debütantenpaare tagelang einstudiert haben, bietet einen sogenannten „3-D-Höheneffekt“, den auch seitliche Zuseher erkennen können.

Im Vorjahr war die Wirtschaftskrise noch in aller Munde, Logen wurden kurzfristig storniert oder mit der zweiten Managementreihe besetzt. Die Bosse wollten sich in wirtschaftlich angespannten Zeiten lieber nicht bei einem solchen Anlass zeigen. 2010 scheinen solche Überlegungen vollkommen vergessen zu sein. „Es sind alle wieder da“, heißt es euphorisch. Der Ball ist, wie jedes Jahr, ausverkauft, freut sich Ballchefin Désirée Treichl-Stürgkh.

Auch mehr Politiker als im Jahr 2009 bevölkerten gestern wieder das Parkett: Bundespräsident Heinz Fischer, Bundeskanzler Werner Faymann, sein Vize Josef Pröll und mehrere Minister waren ebenso da wie Gäste aus dem Ausland: Mit Außenrepräsentantin Catherine Ashton war etwa die EU-Kommission hochkarätig vertreten, aus Deutschland waren Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zu Gast. Auch Burgtheater-Chef Hartmann kam.

Die frei gewordene Karte der US-Schauspielerin Lindsay Lohan nahm dankend der deutsche Entertainer Dieter Bohlen, der dafür zum ersten Mal in seinem Leben einen Frack anlegte. Sein Kollege Thomas Gottschalk stand schon lange als ATV-Leihmoderator fest.

Die üblichen Tumulte um das beste Foto löst aber nur eine aus: das britische Model Katie Price – mit Bodyguards. Britische Medien drängten sich ungestüm am roten Teppich. Wobei sich ein österreichischer Journalist, der der Dame bereits seit 24 Stunden auf den Fersen ist, ein wenig Selbstkritik nicht verkneifen kann: „Es ist eigentlich ein Wahnsinn, dass wir der alle nachrennen. Die hat nämlich wirklich nichts zu sagen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2010)


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