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Die Freuden des Landarztes

Endlose Arbeitszeiten, ständige Bereitschaft, magerer Verdienst: So leiden Landärzte nach gängigem Klischee. Stimmt nicht, sagt einer, der es wissen muss.

Schon lang weiß man vom Exodus der Babyboomer-Landarztgeneration. Und warum es nur wenige Jungärzte in die verwaisten Praxen zieht: Das Curriculum nach der Promotion lockt nach nur neunmonatiger Basisausbildung („Common Trunk“) in die Facharztschiene, ohne dass die Jungärzte nennenswert mit Allgemeinmedizin in Berührung gekommen sind. Auch schreckt sie die Aussicht auf ständige Bereitschaftsdienste und mageren Verdienst.

Recht verzweifelt klingt daher der Vorschlag der Österreichischen Gesundheitskasse vom Mittwoch, eine „Landarzt-Quote“ einzuführen: Wenn derzeit nur jeder Zehnte einen Studienplatz ergattert, soll es zusätzliche Ausbildungsplätze für jene geben, die schon zu Beginn des Studiums deponieren, Landarzt werden zu wollen.

Zum Verdienst gibt es Zahlen. „Der durchschnittliche Jahresumsatz eines Allgemeinmediziners rein aus Kassenleistungen liegt bei 290.000 Euro.“ Das sagt Maria Berger, auf Ärzte und freie Berufe spezialisierte Steuerberaterin und Prokuristin bei BDO. Der Wert variiere je nach Bundesland. Als Gewinn vor Steuern streife man im Schnitt 140.000 Euro ein. „Auf dem Land kann dazu noch der Gewinn aus einer Hausapotheke kommen.“ Welche mehr als nur die Butter aufs Brot ausmache.

„Dieser Verdienst lässt sich mit zusätzlichen Versorgungstätigkeiten weiter steigern“, ergänzt Landarzt Dominik Bammer. Der 31-Jährige hat sich vor zwei Jahren mit seinem 63-jährigen Kollegen Burghart Ozlberger zusammengetan. In Kirchham im Traunviertel eröffneten sie eine Gemeinschaftspraxis mit Hausapotheke, die sechs Tage die Woche offen hält. Bammer mag die Abwechslung: „Wir machen alles von der Hausgeburt bis zur Sterbebegleitung.“ Auch einen Metallkörper aus einem Auge zu entfernen scheuen sie sich nicht – was sich in den Umsätzen niederschlägt.

BWL für Mediziner

Bammer vereint zwei Qualifikationen: Er ist Allgemeinmediziner und Betriebswirt. „Betriebswirtschaftlich ist das Modell des Haus-Honorararztes sehr interessant“, ist er überzeugt. Jedoch sehen die aktuellen Curricula keine unternehmerische Grundbildung vor. Welche gerade in Coronazeiten gefordert ist: Landärzte organisieren Test- und Impfstraßen, Infektordinationen für Patienten mit Symptomen, sie beschafften Schutzausrüstung und setzten ständig neue Richtlinien um: „Wer sich da sicher und gut ausgebildet fühlt, dem macht das Spaß.“ Den anderen wohl weniger.

Deshalb arbeitet Bammer mit der Ärztekammer OÖ an einer betriebswirtschaftlichen Basisausbildung inklusive Überblick über nützliche digitale Tools. Von Medizinern für Mediziner: „Wenn überhaupt, schulen das bisher Juristen und Betriebswirte. Die sprechen eine andere Sprache.“

Die eingangs zitierte Steuerberaterin Berger rät dennoch allen, die sich selbstständig machen wollen, sich möglichst früh mit einem Vertreter ihres Fachs zusammenzusetzen.

Planbare Dienste

Jungarzt Bammer beschwert sich auch nicht über sein Arbeitspensum. „Früher hatte ich jeden zweiten oder dritten Tag Bereitschaft.“ Seit Einführung des Händ-Systems (Hausärztlicher Notdienst in Oberösterreich) tragen sich nicht nur Haus-, sondern auch Spitals- und Wahlärzte für die fixen Zwölf-Stunden-Schichten ein. Bammer ist seither nur mehr zu einem oder zwei Diensten im Monat verpflichtet. 950 Euro bringe das pro Dienst, „und es ist gut planbar“.

Er sieht einen konstruktiven Ansatz darin, die Versorgungspyramide mit einem starken Primärbereich breit über alle Schichten zu kommunizieren. „Dann würden die Patienten die Spitäler nur mehr indiziert frequentieren.“ Was auch Letzteren zugutekäme.

Noch ein Gedanke: Das dauernde Gejammere, meint Bammer, nage am Image: „Landarzt zu sein ist befriedigend und erfüllend. So muss das dargestellt werden.“