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Schlossmuseum: Hitler auf dem Weg nach Linz

Zwischen den Kriegen in Oberösterreich: Marktfrauen mit Hundegespann.
Zwischen den Kriegen in Oberösterreich: Marktfrauen mit Hundegespann.OÖ. Landesmuseum/Maria Gusenbauer
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„Zwischen den Kriegen“ zeigt Oberösterreichs Geschichte zwischen 1918 und 1938. Mit derselben Zeit befasst sich auch eine Ausstellung in der Linzer Landesgalerie.

Wer die bewegten 20 Jahre zwischen dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Anschluss an das Deutsche Reich unter dem NS-Regime aus oberösterreichischer Perspektive verfolgen will, bekommt in einer Ausstellung im Schlossmuseum Linz durch fünf Räume eine Begleitung in Comic-Form: Die junge Künstlerin Janina Wegscheider aus Gutau hat das Schicksal einer fiktiven Mühlviertler Familie in der Zwischenkriegszeit in zehn Bildern illustriert. Sie zeigen Menschen, die unterschiedlichsten Ideologien angehören. Das Trennende zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten, Kommunisten, Deutschnationalen und Splitterparteien, das zum Bürgerkrieg 1934 führte und schließlich zur Annexion von 1938, wird als Riss durch eine oberösterreichische Familie gezeigt.

 

Zur Einstimmung in eine Art Café

Man sieht zum Beispiel den Heimkehrer Sepp, den der Krieg zum Invaliden gemacht hat, oder die Familie, die nach dem Willen des verstorbenen Vaters in einer Zeit der absoluten Entbehrungen das Gasthaus im Mühlviertel halten soll. Schließlich sieht man jene, die in der Wirtschaftskrise in die Stadt gezogen sind: „Heut' haben's schon wieder den Lohn gekürzt“, sagt der erschöpfte Mann. „Habt ihr schon an Kampfmaßnahmen gedacht?“, fragt seine Frau. Auch das wird in historischen Dokumenten dargestellt. An Streiks, Aufmärschen, Straßenkämpfen gab es in der Zwischenkriegszeit keinen Mangel. Die plakative Familiengeschichte mit ihren Sprechblasen erleichtert das Verständnis einer komplexen Schau, die Kurator Peter März und sein Team reichlich mit Texten, Fotos, Postkarten, Plakaten, Karten, Alltagsgegenständen und multimedialen Zwischenspielen versehen haben: „Zwischen den Kriegen. Oberösterreich 1918–1938“ führt von der Gründung der Ersten Republik bis zum Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich im März 1938. Gleich im Eingangsbereich kann man sich wie im Caféhaus mit Dutzenden Zeitungen von damals einen Überblick verschaffen. Eine Karte von Linz zeigt die wesentlichen baulichen Unterschiede zu heute.

 

Plünderungen im Februar 1919

Ein netter Gag: Im ersten Raum nach diesem Vorspiel gibt es eine Nische mit alten Aufnahmen von der Donaubrücke und ihrer Umgebung. Blickt man dann aus dem Fenster auf die Brücke, sieht man ganz real die gleiche Perspektive wie auf den Fotos. Wie eine Installation hat man als Durchgang ein ländliches Zimmer eingerichtet, das zur Situation von Ende 1918 passt. Gezeigt wird in diesem Abschnitt die Reorganisation eines Landes, dessen Bevölkerung nach dem Krieg am Boden lag. 22.500 Soldaten aus Oberösterreich waren zwischen 1914 und 1918 gefallen, 10.000 kehrten als Invaliden heim. Die Spanische Grippe forderte bis 1920 vergleichbar viele Opfer wie der Krieg. Es folgten Hungerjahre, die von sozialen Unruhen und Protesten geprägt waren. Notgeld, Hyperinflation, radikale Arbeiterräte, Naziaufmärsche, rohe Gewalt. Ein Foto vom 4. Februar 1919 dokumentiert bedrohliche Menschenmassen: „Plünderung des Spezialitätengeschäfts Alois Egger“. Aber auch Positives wird vermeldet: die Einführung des Frauenwahlrechts, eine europaweit vorbildliche Sozialgesetzgebung, Wille zu Reformen in vielen gesellschaftlichen Bereichen.

Dokumentiert werden Innovationen in Industrie und Landwirtschaft, die neuen Trends von Tourismus und Freizeit, etwa im Sport. Das Kraftwerk Partenstein an der Großen Mühl setzt Maßstäbe der Elektrifizierung, die Motorisierung gewinnt an Tempo. Auch entlegene Regionen können mit dem Autobus erreicht werden. Stolz blickt ein Fahrer aus dem Wagen der Oö. Kraftwagen-Verkehrs AG. Das wahrscheinlich entspannteste Bild: In einem Bohrloch sitzen zufriedene Herren im Wasser, die Menge sieht ihnen beim Baden zu. Im Krieg hatte man in Bad Schallerbach Ölquellen erschließen wollen. Daraus wurde nichts. Rasch sprach sich jedoch die heilende Wirkung des 36 Grad warmen Wassers herum. Es wurde wild gebadet, bald aber planvoll gebaut. Der Thermentourismus beginnt. Ab 1925 setzt eine kurze Phase der ökonomischen Erholung ein, der politischen Stabilisierung, doch die wurde durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zunichtegemacht. Sie förderte autoritäre Tendenzen, bis sich schließlich der Faschismus durchsetzte.

 

Trickfilm über den „Heldenkanzler“

Ein zentraler Teil ist den Parteien gewidmet. Ein herzig-böser Trickfilm von Benjamin Swiczinsky zeigt den Aufstieg des christlichsozialen Engelbert Dollfuß zum „Heldenkanzler“ – der seltsame Animationsfilm ist ein Kontrast zum Krisenjahr 1934, das vom Bürgerkrieg und dem Juli-Putsch geprägt war, bei dem Dollfuß von Nazis ermordet wurde. Die Schau endet mit der Darstellung des autoritären Staates unter Kanzler Kurt Schuschnigg. Sein rechtes Regime war nicht von langer Dauer. Der Untergang erfolgte 1938. Symbolisch senkt sich hier ein braunes Segel wie ein Keil herab: Hitler auf dem Weg nach Linz, Krieg, Konzentrationslager, Millionen Opfer. Ein Foto zeigt den letzten Bombenangriff auf die Stadt 1945.

Ergänzt wird die Ausstellung im Schlossmuseum durch eine kleinere in der Landesgalerie Linz. Gemälde vom Spätimpressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit sind ausgestellt, etwa von Demeter Koko, Paul Ikrath, Franz Sedlacek, Herbert Ploberger und Margret Bilger. Auch Fotografien der Zwischenkriegszeit werden gezeigt, mit Arbeiten etwa von Michael Neumüller Helene Clodi-Titze und Heinz Bitzan. Für junge Besucher steht eine Malschule zur Verfügung.

Im Schlossmuseum Linz bis 13. Jänner 2019, in der Landesgalerie bis 6. Mai 2018, Dienstag bis Sonntag

10–18 h, Donnerstag 10–21 h, Montag geschlossen.
Thematisch verwandte Ausstellungen: vom 14. April bis 26. Oktober „Hart an der Grenze“ im Schlossmuseum Freistadt, vom 6. Mai bis 28. Oktober 2018 „Zeitensprünge“ im Freilichtmuseum Sumerauerhof St. Florian.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2018)