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Die Erotik des Anoraks

In meiner Jugend hinter dem Eisernen Vorhang habe ich eine platonische Beziehung zu Österreich gepflegt: Jeden Freitag kaufte ich mir in einer Trafik in unserem Plattenbauviertel die „Volksstimme“.

In meiner Jugend habe ich eine langjährige platonische Beziehung zu Österreich gepflegt, vor allem zu Wien. Jeden Freitag kaufte ich mir in einer Trafik in unserem Plattenbauviertel – ich glaube, für eine tschechoslowakische Krone– die österreichische „Volksstimme“. In diesem Zentralorgan der Kommunistischen Partei Österreichs war nämlich auch das Programm des österreichischen Fernsehens abgedruckt, an das man nirgendwo sonst in der Tschechoslowakei herankam. Diese Stimme des Nachbarvolks, die im Land ihrer Entstehung kaum gelesen wurde, war 60 Kilometer weiter nordöstlich Kult und gleichzeitig das einzige Printmedium von jenseits des Eisernen Vorhangs. Ich bin mir sicher, dass die Wochenendausgabe mit der illustrierten Beilage in der Slowakei mehr und ganz gewiss hingebungsvollere Leser hatte als in ihrem Heimatland. Die „Volksstimme“ war in dem Kiosk immer gleich vergriffen, und oft wurde sie gegen ein Bakschisch unter dem Ladentisch verkauft. In unserem Plattenbau wurde die Zeitung von Tür zu Tür weitergereicht und von den Deutsch sprechenden Familien wie eine Reliquie behütet.

Weder ich noch meine Eltern haben Wien damals besuchen können, und wir sind auch nicht davon ausgegangen, dass das jemals passieren würde. In meiner Kindheit stellten für mich das Fernsehprogramm des ORF und das erste und dritte österreichische Hörfunkprogramm die gesamte westliche Zivilisation dar. Ich malte mir aus, dass die Sendungen von irgendwoher aus riesiger Entfernung kamen, von einem Ort, den eine unbestimmte, alles umfassende Zärtlichkeit umgab.

Am meisten faszinierte mich die Reklame. Ein Block von Werbeclips im österreichischen Fernsehen wirkte auf mich wie eine Abfolge von kurzen Science-Fiction-Filmen, die in fantastischen Umgebungen spielten und deren Handlung sich um wahnsinnig tolle, unbekannte Dinge drehte. Man munkelte, dass dabei auch die Politik ihre Hand im Spiel hatte, aber vielleicht war es nur Einbildung der Menschen zu meinen, wenn in der Tschechoslowakei gerade wieder einmal ein nervtötender Mangel an Toilettenpapier oder Damenbinden herrschte, dass diese Dinge dort plötzlich viel häufiger auftauchten. Doch man weiß ja, dass der Hungrige überall etwas zu essen sieht, und die Kuh des Nachbarn gibt eh immer mehr Milch. In der sozialistischen Tschechoslowakei erfüllte Reklame die Funktion einer Art von rätselhaftem Bonus im Fernsehprogramm, eines netten Schnickschnacks ohne realen Bezug. Da es bei den Waren keine Auswahl gab und man oft nicht einmal die unumgängliche einzige Sorte bekam, war es auch nicht vonnöten, mit der Konkurrenz in Wettstreit zu treten. Eigenartig, dass insbesondere elementare Hygieneartikel zur Mangelware wurden. So blieb symbolisch alles ordentlich dreckig.

Ich gebe offen zu, dass mich in meiner Kindheit alles, was ich im österreichischen Fernsehen sah, krankhaft anzog. Bloß– wo sollte ich es hernehmen? Offensichtlich war ich nicht der Einzige, der dieses Problem hatte, denn eines der Spezifika unseres zugrunde gehenden Landes waren Ersatzprodukte: „Hubba Bubba“ gab es bei uns unter dem Namen „Pedro“; nach etwa 30 Sekunden zerfiel der Kaugummi im Mund und verlor jeglichen Geschmack. Zu Camembert sagte man einfach „Schimmelkäse“ und zu „Labello“ „Hirschtalg“. Eine „Nutella“-Imitation hat das Regime allerdings nicht zustande gebracht, und deshalb bekam ich im Schulhort meine Brote mit einer hauchdünnen Schicht Marmelade (ohne Butter darunter!) bestrichen, die nach einer Sorte Obst schmeckte, die sowjetische Genetiker erst noch erfinden müssten. „Pepsi“ gab es zweimal im Jahr, zum Geburtstag und zu Weihnachten, wenn eine Flasche unter zwölf Cousins und Cousinen aufgeteilt wurde. Meine ganze Kindheit lang habe ich gedacht, dass „Mozzarella“ ein spanischer Frauenname ist, „Cappuccino“ eine italienische Ferienregion am Meer und „Tom&Jerry“ eine deutsche Schwarzweiß-Trickfilmserie – vielen Dank für die Blumen!

Den glücklichsten Moment bescherte mir das Weihnachtsfest 1982, als mir meine amerikanischen Verwandten einen riesigen Lego-Baukasten schickten, mit dem man eine gelbe Burg samt einer Legion Soldaten bauen konnte. Außerdem bekam ich von diesen mir unbekannten, aber vergötterten Fremden hinterm Ozean auch noch eine Winterjacke, bei der man mit Hilfe eines Reißverschlusses die Ärmel abnehmen konnte– damals eine Erfindung, die in ihrer Bedeutung dem „iPhone 3Gs“ von heute gleichkam. Diese beiden Geschenke machten mich zum ersten und letzten Mal zum King in unserem Viertel. Ein ganzer Trupp von jungen Lehrerinnen pauste sich das Muster des Anoraks direkt von meinem Körper ab. Als Sechsjähriger kann man sich nichts Erotischeres vorstellen.

 

Parteiblätter? Altpapier!

Im Frühling 1989 war ich zwölf Jahre alt und sah, wie das Chaos von Woche zu Woche größer wurde. Das Regime hatte das Leben auf ein primitives Niveau heruntergefahren. Unser Land mit seiner lawinenartig an Wert verlierenden Währung überlebte wahrscheinlich nur noch dank seiner eigenen Schwäche, die Leute hatten keine Kraft mehr. Ernten spielten sich im Fernsehen ab, und das Korn auf den Feldern blieb ungemäht liegen. Von allen Wänden herab brüllten einen Losungen an, lauter ideologisches Gewäsch, und die roten Banner flatterten im Wind, als solle das ewig so bleiben.

Aber es gab auch Ausnahmen. Meine Mutter hat neulich einen Brief von mir entdeckt, von einem Schulausflug 1988, in dem ich meine Lieblingslehrerin, Frau ?í?ková, zitiere: „Michal wird erst dann Ordnung in seinen Sachen haben, wenn in der Tschechoslowakei der Kommunismus gesiegt hat, also niemals.“ Diese Dame hatte die Angewohnheit, ganz offen mit uns zu sprechen. Sie hatte alles an russischer Literatur gelesen und wusste auch, wie man den Schülern den Stoff am besten vermittelt. Dafür sortierte sie die sowjetischen Parteiblätter sofort fürs Altpapier aus.

Dann kam der revolutionäre November 1989. Mit Begeisterung las ich damals Science-Fiction-Romane und ging gerne zu den ersten Demos auf den Platz des Slowakischen Nationalaufstands, weil dort die Redner ebenfalls reichlich fantasierten– angeblich würden wir in fünf Jahren Österreich überholt haben! Acht Monate später, im Jänner 1990, stand ich völlig durcheinander auf einer Straße in Wien, als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht, und fragte mich: Ist das alles vorbei? Bin ich tatsächlich in Wien? Ist Václav Havel wirklich Präsident? Ist das möglich? Und ich kniff mich in die Hand, um mich zu überzeugen, dass dies nicht zufällig doch ein Traum war. Wien war von einer Schimäre zu einem Zerrspiegel Bratislavas geworden. Viele dachten damals, der Kapitalismus sieht ungefähr so aus wie die Mariahilfer Straße. ■

KAKANIEN. Veranstaltung

In der Gesprächsreihe „Kakanien – Schriftsteller halten Reden“ sind am
15. Februar, 20 Uhr, der Slowake Michal Hvorecký und der Ukrainer Serhij Zhadan im Wiener Akademietheater zu Gast.

Moderation: „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2010)