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Spazieren gehen

Ernst Molden und Der Nino aus Wien im Prater.
Ernst Molden und Der Nino aus Wien im Prater.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Es ist die befreiend banale Illustration jener Binsenweisheit, wonach der Weg das Ziel des Menschen sei. Spazieren nämlich ist die genuine Form des Verzichts auf ein Ziel.

Man kann Dinge, die einem selbst im Laufe des Lebens nicht begreiflicher geworden sind, schlecht einer nächsten Generation erklären. Zu diesen unerklärlichen Dingen im Leben gehört allerhand: schreckliche Sachverhalte aus Gegenwart und Vergangenheit ebenso wie Helles, Märchenhaftes, fast Wunderbares. Dazwischen finden sich harmlose, unauffällige, beinah fade Gegebenheiten des Lebens: wie das Spazierengehen.

Wenn mich meine Tochter und meine beiden Söhne also einmal fragen werden, warum um Gottes Willen wir im Lauf ihrer Kindheit und frühen Adoleszenz geschätzte anderthalb Mal Österreich der Länge nach durchspaziert sind, werde ich wohl keine Antwort haben. Ja, warum? Vielleicht kann ich etwas sagen wie: Es hat sich gut und richtig angefühlt.

Ich gehe spazieren. Schon seit Jahren und gern, leidenschaftlich gern. Wobei, nicht seit jeher: Eher ist der Trieb, spazieren zu gehen, eines Tages in mir hervorgetreten wie ein uraltes Muster in meinem Erbgut. Ein mächtiger Drang, der sich lang den faulen Sitzungen meiner eigenen Jugend unterworfen und sich dann, unabweisbar und plötzlich, Bahn gebrochen hat. Ein Drang, der wohl auch erweckt wurde durch die weise Anleitung und das strahlende Beispiel meiner spazierenden Liebsten. Etwa vor zwanzig Jahren dürfte ich an der Seite der Geliebten wie ein staunendes Hunderl eines Tages losgegangen und seither nimmer oder nur höchst ungern wieder stehen geblieben sein.

Das Spazierengehen ist die befreiend banale Illustration jener Binsenweisheit, wonach der Weg das Ziel des Menschen sei. Spazieren nämlich ist die genuine Form des Verzichts auf ein Ziel. Hätte der Gang ein Ziel, etwa die Einkehr in einem Wirtshaus oder die Bezwingung eines Berggipfels, so müsste man von einem Ausflug, gar einer Wanderung sprechen. Der Spaziergang beginnt, verläuft und endet tendenziell anlass- und höhepunktslos, es geht schlicht darum, dass man geht. Spazieren ist auch nicht soziokulturell belastet, hier käme man ja ins Flanieren, und das ist auch etwas Schönes, aber etwas ganz anderes.