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Warum manche vieles wagen – und andere verzagen

Suche nach dem Kick oder Sehnsucht nach Sicherheit?
Suche nach dem Kick oder Sehnsucht nach Sicherheit?(c) Getty Images (Omer Messinger)
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Wir leben in der Risikogesellschaft, weil wir das Risiko berechnen und kontrollieren können. Doch oft genug versagt die Rationalität. Dann scheidet uns Bauchgefühl oder Tradition in Zauderer und Draufgänger.

Wir springen von Brücken und aus Hubschraubern. Wir lieben das Gefühl, wenn das Adrenalin durch unsere Adern schießt. Aber wir tragen, anders als früher, beim Skifahren Helme und schnallen uns auch auf dem Rücksitz an. Wir sind immens um unsere Gesundheit besorgt und essen nur noch Bio, doch der Drogenkonsum nimmt zu. Am Steuer halten wir uns für unverwundbar. Aber wir zittern vor vagen oder imaginären Gefahren wie Gentechnik, Nanotechnologie und Freihandel. Der moderne Mensch erscheint in seinem Risikoverhalten als widersprüchliches Wesen. Und der Österreicher erst recht: Man wirft ihm eine Beamtenmentalität vor, und dann erweist er sich in Osteuropa als Pionier und wagemutiger Unternehmer. Kann hier die Wissenschaft weiterhelfen?

Das rundeste Bild bieten die Biologen. Für sie ist Risikobereitschaft ein Motor der Evolution: Würden wir nicht Neues ausprobieren, gäbe es keinen Fortschritt. Wer es damit allerdings übertreibt, bringt mit sich selbst auch den Genpool in Gefahr. Also hat das menschliche Hirn zwei Regionen ausgebildet, die diese Impulse im Gleichgewicht halten sollen: Das limbische System liefert die positive Erregung, wenn uns neue Chancen begegnen. Das Kontrollzentrum im präfrontalen Cortex sorgt dafür, dass wir nicht jeden Unsinn mitmachen und auch an negative Folgen denken. Wenn sich in der Pubertät das Gehirn umbaut, entwickeln sich die beiden Regionen nicht gleich schnell. Das Kontrollzentrum ist erst im Alter von 25 bis 30 Jahren voll ausgebildet. Die Folgen: Viele Jugendliche – besonders Burschen – sind impulsiv, ignorieren das Risiko und suchen den Kick. Sie setzen sich betrunken ans Steuer und beweisen sich mit Mutproben unter ihresgleichen. Dass ihre besorgten Eltern darob fast verzweifeln, stachelt sie nur zusätzlich an.

Aber so trivial der Befund zu sein scheint, er stimmt nicht überall. So haben Psychologen der Uni Basel nicht nur gezeigt, dass die Bewohner von Entwicklungsländern eine höhere Risikobereitschaft haben als Europäer. Diese verändert sich auch kaum im Lauf des Lebens. Auch Ältere sind dort bereit, hohe Risken einzugehen, um ihre elende Lage zu verbessern. Das lässt erahnen, wie stark das Umfeld die biologischen Grundlagen überformt.

Soziales Konstrukt. Womit wir bei den Soziologen wären. Sie erklären uns seit den Achtzigern, dass wir in einer „Risikogesellschaft“ leben – der Titel eines damaligen Bestsellers von Ulrich Beck. Aber was können wir heute darunter verstehen? Dass die Risken, denen die Menschheit sich selbst aussetzt, noch nie so hoch waren wie heute? So hat man es in der Zeit von Tschernobyl, saurem Regen und dem Aufstieg der grünen Bewegung oft verstanden.