Olympia-Skispringen: Wenn aus Adlern Tauben werden

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Statt Selbstbewusstsein herrscht im rot-weiß-roten Springerlager Niedergeschlagenheit. In dieser mentalen Verfassung wird selbst der Sieg im Teambewerb kein einfaches Unterfangen.

WHISTLER. Gregor Schlierenzauer gratulierte Simon Ammann zum Olympiasieg und gleichzeitig freute er sich aufrichtig über seine Bronzemedaille. Denn als 20-Jähriger auf Anhieb aufs olympische Podest zu springen, ist keine Selbstverständlichkeit. Olympia hat andere Regeln als der Weltcup. Und mit der Medaille im Rucksack ist Schlierenzauer auf der Großschanze alles zuzutrauen.

Doch auch er ist nach Ammanns Machtdemonstration ins Grübeln geraten. „Der Simmi hat einen hervorragenden Servicemann“, sagt der 32-fache Weltcupsieger und wühlt damit, bewusst oder unbewusst, in einer Wunde des Skiverbands (ÖSV). Denn der hervorragende Servicemann kommt aus Oberösterreich und heißt Gerhard Hofer.

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Der kleine Beitrag zu Gold

Der 27-jährige Hardrockfan, der auf den Spitznamen Gatsch hört, genießt dank seiner Fähigkeiten einen ausgezeichneten Ruf unter den Athleten. „Gatsch hat schon vor vier Jahren Thomas Morgenstern die Latten gewachselt, der Morgi ist Doppelolympiasieger geworden“, sagt Schlierenzauer. Fast sieht es so aus, als ob er sich den ehemaligen ÖSV-Servicemann in sein Team zurückwünschte. Denn die Skier von Ammann waren am Samstag auf der Normalschanze in Whistler um einiges schneller als seine.

Dreieinhalb Jahre sei er bei allen großen Erfolgen des ÖSV dabei gewesen, erzählt Hofer. „Vielleicht habe ich als Servicemann ja einen kleinen Beitrag dazu geleistet“, fügt er süffisant hinzu. Denn er ging vom ÖSV im Groll. „Ich wollte mehr als nur wachseln, die Schweizer boten mir einen Vertrag als Ko-Trainer bis zu den Olympischen Spielen in Vancouver an.“ Also wechselte Hofer die Fronten und leistete seinen kleinen Beitrag zu Gold nun für Simon Ammann.

Leise Resignation

Und im rot-weiß-roten Adlerhorst? Dort läuft es alles andere als glatt. Doch das Problem liegt nicht nur am Wachs, sondern vor allem in den Köpfen der Springer. Wie Thomas Morgenstern, Andreas Kofler und Wolfgang Loitzl nach dem Springen durch die Arena geschlichen sind, war vielsagend. Es fehlte nur noch der Trauermarsch zur Untermalung.

Morgenstern suchte zuerst einmal Trost bei seinen Eltern und seiner Freundin, die ihm die Daumen gedrückt hatten. Seine große Enttäuschung über Platz acht stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er sagte Sätze wie: „Ich bin schon Olympiasieger, das kann mir keiner mehr nehmen.“ Das klingt nach Resignation. Dabei sieht Morgenstern im Vergleich zu Kofler und Loitzl einen positiven Aspekt: „Ich habe Fehler gemacht und ich weiß welche.“

Kofler und Loitzl standen hingegen ratlos im Auslauf. Kofler war „sehr enttäuscht“ und fand keine Erklärung für sein schwaches Abschneiden. Seinen Sturz beim Skifliegen in Oberstdorf ließ er jedenfalls nicht gelten. Und Loitzl? Er habe sich mit dem kurzen Schanzentisch nie anfreunden können, sagt er. Allerdings sei sein zweiter Sprung schon „in die richtige Richtung“ gegangen.

Was aber im Kopf rumort, ist der Umstand, „dass die anderen aufgeholt“ haben. Es sei für „Jäger immer leichter als für die Gejagten“, kam Loitzl ins Philosophieren. Österreichs Skispringer fühlen sich als Gejagte. Noch vor wenigen Wochen haben sie die Konkurrenz vor sich her gejagt. Aus Adlern sind Tauben geworden.

Verständlicher Frust

Für das Trainerteam um Alexander Pointner ist nun Kopfarbeit angesagt. Denn in dieser mentalen Verfassung ist selbst die so vermeintlich einfache Übung, das Mannschaftsspringen zu gewinnen, keine ausgemachte Sache. Vor allem die Deutschen Uhrmann, Schmitt und Neumayer sprangen stark.

Andererseits: dass jene Österreicher, die leer ausgegangen sind, enttäuscht und etwas niedergeschlagen sind, sei verständlich, meint Pointner. „Wir sind schließlich bei Olympia.“ Und bis zum Bewerb auf der Großschanze (20. Februar) dauert es noch eine Woche. Genügend Zeit, um aus Tauben wieder Adler zu machen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2010)

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