Kratzen an der Jesus-Kitschkruste

ARCHIVBILD: HERMANN GLETTLER
ARCHIVBILD: HERMANN GLETTLERAPA/SONNTAGSBLATT/VELCHEV

Bischof Glettler schreibt gegen einen domestizierten Christus an.

Wien. Es muss wohl an Innsbruck liegen. Anders ist schwer erklärbar, dass schon wieder ein Tiroler Diözesanbischof Bücher nicht nur schreibt, sondern auch gleich selbst illustriert. War es früher der mittlerweile verstorbene Reinhold Stecher, ist es nun der neue Hausherr Hermann Glettler, der Grafiken in seinem neuen Werk „Die fremde Gestalt“ beisteuert.

Neben dem Cover (von Glettler!) macht der Untertitel deutlich, welcher Gestalt das bei Styria erschienene Buch gewidmet ist: „Gespräche über den unbequemen Jesus“. Das Gespräch führt der Theologe mit dem Psychiater und Psychotherapeuten Michael Lehofer, der seinerseits schon Bestseller („Mit mir sein“) veröffentlich hat.

Ausgangspunkt der Überlegungen der beiden sind 24 manchmal auch weniger bekannte Textpassagen des Neuen Testaments. Ihnen allen ist gemein, dass sie einen Jesus abseits lieblicher, tradierter Bilder zeigen.

Grundtugend Gelassenheit

Dass sie ihn als eine Gestalt in den Mittelpunkt stellen, die keine faulen Kompromisse zulässt, die radikal, die manchmal sogar in einer Weise auftritt, die wir als unhöflich bezeichnen würden. Und die letztlich schwer zu fassen ist.

Immer wieder weisen Glettler und Lehofer auf jene Freiheit und Liebe hin, die der Mann, der in Bethlehem geboren wurde, den Menschen verheißt. Gletters Schlussfolgerung: „Gelassenheit ist die Grundtugend des Christen.“

Insgesamt ein Buch, das Perspektiven öffnet, Sicherheiten in Frage stellt und einen ganz und gar plastischen, modernen Jesus zeigt. Ein Buch, das am Kitsch des Jesus-Bildes kratzt und das Original freizulegen versucht. Ein Angebot für die, die einen authentischen, heutigen Zugang zu Jesus suchen – nicht nur zur Osterzeit. (d. n.)

Hermann Glettler, Michael Lehofer
„Die fremde Gestalt“
Styria Verlag, 160 Seiten, 22 Euro