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Der letzte Kreuzritter

Märtyrer des Glaubens: Würde auch ich mein Leben geben?

Der selbstverständliche Glaube eines französischen Polizisten und von 21 ägyptischen Kopten fordert heraus.

In dieser Karwoche habe ich mich geschämt. Mit Blick auf den Polizisten Arnaud Beltrame, der im Austausch gegen eine Supermarktangestellte starb, fühlt man sich klein. Am 9. Juni hätte Beltrame geheiratet. Beltrames Selbstaufopferung erinnert unwillkürlich an Maximilian Kolbe, den Schutzpatron der Journalisten. Der Unterschied zu Auschwitz 1941 besteht darin, dass Europas Medien bei Trèbes 2018 ein Detail auslassen – auch Colonel Beltrame war ein gläubiger Katholik. Er hatte sich mit 33 Jahren – in seinem Christusjahr – bekehrt. Kaum ein Medium erwähnte das. Nur in den Nachrichten auf TF1 fiel über dem Glockenschlagen von Notre-Dame die Andeutung: „Mann des Glaubens, der er war“.

Präsident Macron hingegen pries Beltrame in seiner Rede: Der Colonel verkörpere „den französischen Widerstandsgeist“, „Treue zu sich selbst, zu seinen Werten“, „eine große moralische Kraft, über die nicht diskutiert wird“, „ein größeres und höheres Ideal, den Dienst an Frankreich“. Über die Religion des Terroristen sagte Macron, dieser habe den Islam „verraten“. Den christlichen Glauben des neuen Nationalhelden verschwieg er.

Beltrame hatte für Gottesdienste und Ehevorbereitung ein Kloster besucht, in dem die Messe nach dem alten tridentinischen Ritus gelesen wird. In Frankreich werden solche katholischen Traditionalisten als „integralistisch“ und „obskurantisch“ bezeichnet, für Islamisten gebraucht man dieselben Schimpfworte. Vielleicht fehlt Macron deswegen die Größe, eine Wahrheit auszusprechen: Christliche Märtyrer opfern sich selbst und nur sich selbst, Islamisten reißen möglichst viele Menschen mit.

In dieser Karwoche habe ich mich ein weiteres Mal geschämt, bei der Lektüre von Martin Mosebachs Reportage „Die 21“. Das soeben erschienene Buch folgt den Spuren der koptischen Wanderarbeiter, die 2015 von schwarz verhüllten Kämpfern des Islamischen Staats in orange Overalls gesteckt und an einem libyschen Strand geschlachtet wurden.

Als Europäer stellt man sich vor, dass die ägyptischen Angehörigen der Ermordeten in Asche gehen, niedergeschlagen, verzweifelt, bedrückt. Doch nichts wäre der Wirklichkeit ferner. Das professionelle IS-Video zeigt, dass die 21 im Bekenntnis zu Christus starben, betend. Die koptische Kirche sprach sie umgehend heilig. Das Wort „Opfer“ wollen die Angehörigen nicht hören, vielmehr erfüllt es sie mit Stolz, Märtyrer im Himmel zu haben. Einige dieser Wanderarbeiter hinterließen nur miserable Passfotos, auch aus diesen werden nun Ikonen gefertigt. Die 21 waren nicht schön, die meisten hatten einen dünnen Flaum über der Oberlippe. Wären sie mir irgendwo auf der Straße begegnet, so mein beschämender Gedanke, hätte ich vielleicht auf sie herabgeblickt.

Der selbstverständliche Glaube dieser Kopten fordert mich heraus. Ein letzter Kreuzritter mag für österreichische Verhältnisse ungewöhnlich fundamentalistisch erscheinen. Er mag bei Kreuzwegen mitgehen, in den Sakramenten leben, seine Kirche verteidigen – gegen diese Märtyrer ist er ein lauwarmes Nichts.

In dieser Karwoche habe ich mich meiner Schwäche geschämt. Würde ich mich, vor die Wahl gestellt, wie die 21 für meinen Glauben opfern? Ich weiß es nicht. Dass ich im Angesicht des Todes nicht die geliebte Frau, das geliebte Kind, nicht das geliebte Leben wählen würde – das kann ich nicht garantieren.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland. E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2018)