Stadtflucht

Ein fliegendes Krokodil in der Burg

Im Kellergewölbe der Burg: Eingang zur Kunst- und Wunderkammer mit ihren zum Teil kuriosen Objekten.(c) Clemens Fabry

Ihre Ursprünge gehen bis 1300 zurück, heute beherbergt die Burg Forchtenstein im Burgenland eines der größten privaten Militärdepots der Welt – sehenswert ist aber auch die märchenhafte Kunst- und Wunderkammer.

Man sieht sie schon aus der Ferne auf einem Ausläufer des Rosaliengebirges thronen. Mächtig wirkt sie noch immer, auch wenn hier längst keine Fürsten mehr wohnen und sie heute ein Museum ist: die Burg Forchtenstein im Burgenland. Ihre Ursprünge reichen in die Zeit um das Jahr 1300 zurück, 1622 wurde sie von Kaiser Ferdinand II. an Nikolaus Esterházy übergeben, heute ist sie Teil der Esterházy Privatstiftung.

Kurz nach Betreten der Burganlage entdeckt man das erste Kuriosum: ein mehr als zwei Meter langes, ausgestopftes Krokodil, das schon seit 1706 in der Durchfahrt, die in den Innenhof führt, an der Decke unter dem fürstlichen Wappen hängt – das Maul geöffnet, gegen Osten gerichtet, um die Burg vor den Feinden, den Osmanen, zu schützen. Offenbar mit Erfolg: Die Burg Forchtenstein wurde in all den Jahrhunderten nie eingenommen. All das erfährt man bei einer der Führungen, die es hier mehrmals täglich mit verschiedenen Schwerpunkten gibt.

Die Innenräume der Burg kann man teilweise zwar auch ohne Führung besichtigen, wie etwa die Ausstellung „Helden, Schätze, Beutestücke“. Wie so oft erfährt man natürlich im Zuge einer Führung mehr, eine führt etwa durch die Ahnengalerie – für Kinder ist diese Option allerdings vielleicht etwas (zu) lang.

Obwohl es auch hier kindertaugliche Erzählungen gibt: jene der Fantasieahnen etwa. Wie andere Adelshäuser füllten auch die Esterházy die Lücken in der Ahnenfolge ihrer Stammbäume sehr großzügig mit frei erfundenen Fantasieahnen, denen vorbildliche Tugenden und beeindruckende Eigenschaften angedichtet wurden. In der Gemäldegalerie gibt es außergewöhnlich viele Gemälde von erfundenen Vorfahren der Esterházys zu sehen.

(Nicht nur) Kinder wird wohl am meisten das Porträt von Vlad III. Tepes, dem „Pfähler“, beeindrucken – der historischen Vorlage für Bram Stokers berühmten Dracula. Vlad III. war dafür berüchtigt, seine Feinde besonders grausam töten zu lassen. Dem Dargestellten auf dem Bild wurden irgendwann die vormals graublauen Augen ausgekratzt, vermutlich aus Furcht vor seinem schrecklichen Blick.

Spannend ist ein Besuch der Burg auch für all jene, die die sich für historische Waffen interessieren. Nach dem Tod von Fürst Paul I. Esterházy 1713 wurde die Burg als Militärdepot genützt. Heute ist das Forchtensteiner Militärdepot eines der weltweit größten in privater Hand. Die Sammlung wird laufend restauriert und möglichst im Originalzustand gezeigt. Eines der Highlights ist das osmanische Prunkzelt, das der Überlieferung nach durch Nikolaus Graf Esterházy erbeutet wurde und eines der größten erhaltenen Feldherrenzelte aus der Zeit der Türkenkriege im 17. Jahrhundert ist. Richtig spannend wird es, wenn man im Zuge einer Führung hinunter in die Kunst- und Wunderkammer geht. Eine Sammlung an Schätzen und kuriosen Dingen, die einst durch ein aufwendiges Sicherheitssystem geschützt wurde: So waren die gut versteckten Räume durch mehrere Schlösser gesichert.

Neben den vielen wertvollen Schätzen – darunter ungeheuer aufwendige Spieluhren, Stücke aus Elfenbein sowie Hunderte römische und byzantinische Münzen – ist es vor allem die Kuriositätensammlung, die diese in einem märchenhaften Gewölbe untergebrachte Kunst- und Wunderkammer so besonders macht. Hier finden sich fingierte Präparate wie das Horn eines Einhorns, ein geflügelter Marder oder auch ein Schweizer Drache. Besonders gruselig wirken sie, wenn sie in den düsteren Räumen nur mit einer Taschenlampe angestrahlt werden – und unheimliche Schatten an die Decke werfen.

Kanonenkeller. Weiter geht es durch die einstige Bäckerei und Küche zu einer riesigen Waffenkammer aus dem 19. Jahrhundert, die im Originalzustand gezeigt wird: Hier gibt es Lunten und Steinschlossgewehre, eine steile Treppe führt hinunter in den Kanonenkeller, in dem einige imposante Kanonen zu sehen sind. Die Führung endet draußen beim Brunnen, der unglaubliche 45 Meter in die Tiefe geht. Wenn man Wasser in den Schacht gießt, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis man es unten ankommen hört.

Erholen kann man sich nach der Tour bei einem Kaffee (oder einem Mittagessen) im Burgrestaurant Grenadier. Wer noch Energie hat, findet wenige Meter neben der Burg den Reptilienzoo Forchtenstein, der gerade mit Kindern ein netter kleiner Abstecher ist. Mit großen Zoos ist der privat geführte Reptilienzoo natürlich nicht vergleichbar, dafür sieht man hier spannende Tierarten wie die Königskobra, die größte Giftschlange der Welt, und zahlreiche andere Schlangenarten.

Da der Reptilienzoo immer wieder illegal geschmuggelte und vom Zoll aufgegriffene Tiere bei sich aufnimmt, gibt es hier auch zwei Ara-Pärchen zu sehen, Schildkröten, Eidechsen und vieles mehr. Vielen Tieren ist man nur durch die Glasscheibe getrennt sehr nah, viele Vitrinen sind auch so tief, dass kleinere Kinder einen guten Blick haben – wenn nicht, kann man sich ein Stockerl ausborgen. Ebenfalls zu sehen gibt es – Arachnophobiker seien gewarnt – eine Vielzahl an Vogelspinnen, die aber dankenswerterweise in einem abgetrennten Bereich untergebracht sind. An den Wochenenden bietet sich außerdem die Möglichkeit, bei Fütterungen zuzuschauen oder auch (ungiftige) Tiere anzugreifen, um Ängste abzubauen.

Burg Forchtenstein, Melinda-Esterházy-Platz 1, 7212 Forchtenstein. Tägl. geöffnet von zehn bis 18 Uhr. Mehrere Führungen pro Tag, Details unter: www.esterhazy.at oder 02626/812 12.

Reptilienzoo Forchtenstein, tägl. von zehn bis 18Uhr geöffnet, Infos: www.reptilienzooforchtenstein.com

Erschienen

„Raus aus der Stadt: Die schönsten Familienausflüge rund um Wien“ von Mirjam Marits und Clemens Fabry ist im Styria-Verlag erschienen. 20 Euro, 176 Seiten.

Der Artikel über die Burg Forchenstein ist in längerer Form im Buch zu finden.