Wort der Woche

Massaker im jungsteinzeitlichen Dorf

Über Jahrtausende änderte sich kaum etwas daran, wie mit Konflikten umgegangen wurde – nämlich mit brutaler Gewalt. Daraus sollte die Menschheit eigentlich etwas gelernt haben.

Die Zeugnisse des Massakers sind erschütternd. Vor rund 7000 Jahren wurden mehr als hundert Menschen – vorwiegend Männer – in einem jungsteinzeitlichen Dorf in der Nähe des heutigen Schletz (bei Mistelbach) erschlagen. Die Relikte davon sind im Obergeschoss des Mamuz Schloss Asparn/Zaya ausgestellt: Schädel mit deutlich erkennbaren Folgen roher Gewalteinwirkung, hervorgerufen durch spitze und stumpfe Werkzeuge.

Was damals genau geschehen ist, lässt sich kaum mehr rekonstruieren: War es ein Überfall von verbliebenen Jägern und Sammlern auf das frühe Ackerbauerndorf? War es eine Invasion fremder Völker? Ein Übeltäter aus dieser Zeit ist jedenfalls ein Stockwerk darunter in der eben eröffneten Sonderausstellung „Konflikten auf der Spur“ zu sehen: das Bruchstück einer Steinkeule, die offenbar vor 7000 Jahren zum Einsatz kam. Nicht weit davon entfernt liegt in der Vitrine eine Grabenkeule (für den Nahkampf in Schützengräben), die von k.u.k. Soldaten im Ersten Weltkrieg gebaut wurde.

Dieses Nebeneinander von Schaustücken aus unterschiedlichen Zeiten ist Programm: Die Sonderausstellung will gemeinsame Merkmale von Konflikten und ihre Folgen für die Menschen aus einem Zeitraum von 7000 Jahren aufzeigen – beginnend mit der Jungsteinzeit bis ins frühe 20. Jahrhundert. Daher sind die archäologischen Funde nicht chronologisch angeordnet, sondern werden bunt gemischt in denselben Schaukästen ausgestellt. Da liegt zum Beispiel ein römischer Eisenhelm neben einem Stahlhelm aus dem Haus Krupp (Berndorf) aus dem Ersten Weltkrieg. Neben einem Foto der rekonstruierten Befestigung der Höhensiedlung in Gars-Thunau aus dem 9. Jahrhundert ist eine Verteidigungsstellung am Predigtstuhl bei Krems aus dem 20. Jahrhundert abgebildet. Die Ähnlichkeiten sind verblüffend. Und sie zeigen eindringlich, dass sich über Jahrtausende nichts an der vorherrschenden Art zur „Lösung“ von Konflikten geändert hat: nämlich sie mit brutaler Gewalt auszutragen. Aus unserem historischen Wissen sollten wir eigentlich etwas gelernt haben.

Niemals zuvor in der Geschichte hatten wir so effektive Möglichkeiten, Konflikte auf friedlichem Weg auszutragen. Ein Besuch der Ausstellung macht deutlich, dass insbesondere die Demokratie eine gigantische Errungenschaft der Menschheit zum Ausgleich gegensätzlicher Interessen ist. Und dass wir diese keinesfalls leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen. ?


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.04.2018)

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