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"Ich nutze alle freien Nischen, die ich finden kann"

Jekaterinburgs Stadtchef Jewgenij RoismanAPA/AFP/MLADEN ANTONOV
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Der Jekaterinburger Bürgermeister Jewgenij Roisman spricht im Interview über seine beschränkten Vollmachten und das Erbe der Jelzin-Ära.

DiePresse.com: Sie wurden von den Bürgern Jekaterinburgs in einer knappen Wahl 2013 zum Bürgermeister gewählt. Jedoch sind Sie in Ihren Befugnissen ziemlich eingeschränkt.

Mein Posten ist ähnlich dem des deutschen Präsidenten. Ich nutze alle freien Nischen, die ich finden kann. Ich arbeite direkt mit den Menschen, tue das, was andere nicht machen. Bei mir sind die Türen immer offen, bei der Bürgersprechstunde kommen circa 100 Menschen.

Welche Beziehungen zum Gouverneur des Gebiets Swerdlowsk haben Sie?

Keine.

Jekaterinburg ist aber doch Teil des Gebiets.

Ich bin ihm nicht untergeordnet. Wir haben hier eine lokale Selbstverwaltung. Er hat seine Arbeit, ich habe meine.

Im Herbst wird in der Stadt wieder gewählt.

Niemand weiss, ob es Wahlen geben wird oder nicht. Das erfahren wir im letzten Moment. Man kann das Gesetz ändern und die Direktwahl abschaffen. Wenn das Volk wählen darf, werde ich gewinnen.

Im Vorjahr wollten Sie Gouverneur werden. Aber sie hatten nicht ausreichend Unterstützung der Abgeordneten.

Das System ist eigens dazu gemacht (um unabhängige Kandidaten zu verhindern, Anm.).

Im März wählt Russland einen Präsidenten. Werden Sie teilnehmen?

Nein. Auf diese Wahl kann man nur mit Boykott reagieren, das ist eine Frage der Hygiene. Wenn man einige Jahre vor der Wahl bereits weiss, wer sie gewinnt, wenn ernsthafte Konkurrenten nicht zugelassen werden, dann sind das keine echten Wahlen.

Sie sprechen als Bürgermeister so unverblühmt?

Ja, überall. Das ist meine Position. Niemand verbietet mir zu sagen, was ich denke.

Wenn die Wahlen nicht lohnen, wie kann das System geändert werden?

Ich weiss es nicht. Ich habe nicht die Möglichkeit, das System zu ändern. Aber ich will wenigstens das tun, was ich für nötig halte und darüber sprechen, was ich für nötig halte. Das ist meine Position.

Bezeichnen Sie sich als Oppositionellen?

Ich bin einfach jemand mit gesundem Menschenverstand.

Jelzin arbeitete lang in Jekaterinburg, hier erinnert das Jelzin-Zentrum an ihn. Wie stehen Sie zu den Neunzigern?

Die Sowjetunion war ein großes Imperium, das sich als unhaltbar erwiesen hat. Es ist zusammengebrochen. Jelzin hat dem Land einen unwahrscheinlichen Dienst getan, zum Beispiel, dass es keinen Hunger gab. Es war schwierig, aber es gab keinen Hunger. Jelzin musste das erledigen, was die Sowjetmacht 70 Jahre nicht entscheiden konnte. Es war ein sehr freies Land. Nicht alle verstanden mit dieser Freiheit umzugehen. Wir waren ein europäisches Land, hatten mit der ganzen Welt gute Beziehungen.

Jetzt nicht mehr?

Wenn Russland ein europäisches Land ist, dann ist Jekaterinburg eine europäische Stadt. Wir sind Europäer, Europa ist unsere Zivilisation.

Russland hat aber vieles aus dieser Zeit verloren?

Im Vergleich zu damals haben wir uns weit zurückbewegt.

Der heutige russische Mainstream äußert sich sehr negativ zu den 90ern.

Man muss das verstehen. Als die Bolschewiken kamen, verfluchten sie den Zaren. Als Stalin kam, hat er Trotzkij und Bucharin verflucht und viele erschießen lassen. Dann kam Chruschtschow, und hat alle Proträt von Stalin abgenommen. Dann kam Breschnew und hat Chruschtschow verflucht. Dann kam Gorbatschow, Jelzin, usw. Das ist unsere Tradition. Das ist ein Element der hiesigen politischen Kultur. Ja, in den 90ern gab es Banditen, aber was jetzt passiert, ist schrecklicher.

Wie haben Sie die 90er erlebt?

Ich habe die Welt entdeckt. Ich war Geschäftsmann, von Null an, ich habe mir etwas ausgedacht und Geld verdient. Eine zauberhafte Zeit.

Verstehen Sie die Leute, die die 90er pauschal kritisieren?

Natürlich war die Umstellung von Alt auf Neu schwierig. Wir haben hinter dem Eisernen Vorhang gelebt und unsere Produkte verkauft, plötzlich öffneten sich die Grenzen und unsere Betriebe konnten gegen die Konkurrenz nicht bestehen. Natürlich war es schwierig, aber pauschal Gorbatschow oder Jelzin zu beschuldigen, halte ich für falsch. Das Land ist einfach zusammengebrochen.

Sie haben über die hiesige Industrie gesprochen. In Jekaterinburg gibt es die Maschinenbaufabrik Uralmasch. Wie wichtig ist sie heute noch?

Jekaterinburg war früher eine Industriestadt. Als die Produktion einbrach, entwickelten sich Handel, Finanzwesen und auch die Wissenschaft. Jetzt gibt es mehrere starke Branchen. Wir haben die Krise leichter überlebt als andere.

Und Uralmasch?

Heute arbeiten weniger als 2000 dort. Man wird weiter kürzen. Früher waren es mehr als 50.000 Menschen.

Ihr Vater war einer davon.

Mein Vater, mein Großvater, sie haben Uralmasch aufgebaut. Daher war das auch für mich schmerzhaft. Aber ich habe verstanden, dass es keine konkurrenzfähige Produktion war.

In Jekaterinburg werden Vorrundenspiele der Fußballweltmeisterschaft stattfinden. Ist die Stadt vorbereitet?

Wir sind vorbereitet auf diese WM wie keine andere Stadt Russlands. Hier gibt es eine sehr starke Hotels, eine ausgezeichnete Infrastruktur, Handel, Kommunikation. Es werden sehr viele Gäste kommen: Schweden, Mexikaner.

Bis wann wird das Stadion fertig?

Alles wird auf den letzten Drücker fertiggestellt, aber es wird fertig.

Sind Sie enttäuscht über die Auswahl?

Natürlich hätte ich gerne, dass Brasilien, Italien, Großbritannien und Deutschland kommen. Aber was wir haben, haben wir.