Auf dem Gebiet einer ehemaligen Sowjet-Militäranlage soll die größte Schweinefarm im Baltikum entstehen. Mehr als ein Jahrzehnt lang war die Anlage hinter Zäunen verkommen.
Riga.Die Radaranlage im lettischen Skrunda-1 zählte einst zu den wichtigsten Militärinstallationen der Sowjetunion. Als ihr 19-stöckiger Turm gesprengt wurde, war das für die Letten ein Schlussstrich unter ein halbes Jahrhundert Okkupation. Jetzt kehren die Russen in die verwaiste Stadt zurück, und zwar nicht mit Soldaten, sondern mit Schweinen. Ein russischer Investor hat die 1998 verlassene Geisterstadt ersteigert. Lettische Medien wollen wissen, dass dort die größte Schweinefarm im Baltikum entstehen soll – mit 120.000Tieren.
Stadt vor dem Verfall
Für genau 1,551.966Lat (rund 2,2 Millionen Euro) bekam die Firma Alekseevskoze-serviss gegen zwei Mitbieter aus Russland und Aserbaidschan den Zuschlag der lettischen Privatisierungsagentur, die das 45Hektar große Gelände 160 Kilometer westlich von Riga zum Kauf anbot. Im Kaufpreis inbegriffen: 70Gebäude mit 550Wohnungen, Schule, Kindergarten, Klinik, Sauna und Offiziersmesse, alles in elendem Zustand. Auflagen für die künftige Nutzung des Areals gibt es nicht.
Agentursprecherin Anete Fridensteina war mit dem Erlös zufrieden, hatte er den Ausrufpreis von 150.000Lat – was dem Preis eines Zweizimmerappartements in der Hauptstadt entspricht– doch um ein Zehnfaches übertroffen. Die lettischen Pläne, auf der ehemaligen Basis billige Rentnerwohnungen zu bauen, hatte die Finanzkrise ohnedies längst zum Platzen gebracht.
Mehr als ein Jahrzehnt lang war die Anlage hinter Zäunen verkommen, und auch davor war sie für Unbefugte Sperrzone. Die Sowjetarmee hatte dort den Hauptradar ihrer Frühwarnkette errichtet, der das Reich vor US-Raketenangriffen schützen sollte. Diese Schlüsselstation war für die Russen so wichtig, dass Moskau darauf bestand, sie auch nach dem Abzug der Armee aus dem wieder selbstständig gewordenen Lettland nutzen zu dürfen. Ursprünglich wollte man die Basis halten, bis man einen adäquaten Ersatz auf russischem Territorium errichtet hatte, doch ein Bleiben ohne Schlussdatum war für Riga nicht zumutbar. So einigten sich die beiden Länder schließlich unter Vermittlung und Überwachung der Sicherheitsorganisation OSZE auf eine russische Nutzung bis 1998, gegen eine jährliche Miete von fünf Millionen Dollar.
Übernahme ohne Emotionen
Schon 1995 wurde unter Anleitung von US-Experten das Hauptgebäude gesprengt. Als der Radarturm in sich zusammenfiel, kam das für die Letten einem symbolischen Akt der Befreiung gleich. Dass die Militärbasis nun wieder in russische Hände kommt, löst hingegen keine großen Emotionen mehr aus. „Das ist nicht schlimmer, als wenn Deutsche, Dänen oder Schweden kämen“, sagte Ints Folkmanis, der einst den Abzug der Russen überwachte, zum Nachrichtendienst Baltic Course.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2010)