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Romako: Süß? Sauer? Ein Maler der Extreme

Sie ist ein Meisterwerk Anton Romakos, er hält die „Neue Freie Presse“: Isabella, Christoph Reisser (1885), „Presse“-Technik-Direktor und Druckereibesitzer.
Sie ist ein Meisterwerk Anton Romakos, er hält die „Neue Freie Presse“: Isabella, Christoph Reisser (1885), „Presse“-Technik-Direktor und Druckereibesitzer.
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Anton Romako stand an der Schwelle von Historismus zu Moderne: Was dazu führt, dass es einen manchmal schaudert, manchmal rührt. Jedenfalls staunt man.

Alle Vierteljahrhunderte gibt es anscheinend Einzelausstellungen des Malers Anton Romako (1832–1889) in Wiener Institutionen. Und das ist gut so. Was genauso ambivalent gelesen werden kann wie dieses Werk. Denn es ist anstrengend, so anstrengend, wie Romakos Leben war, so anstrengend wie das Wechselbad ist, in das einen seine Bilder stürzen.

Jedenfalls ist jetzt nach dem Belvedere das Leopold-Museum dran, das mittlerweile inklusive der Leopold-Sammlung-II eine ähnlich große Romako-Präsenz aufweisen kann. Hin- und hergerissen zwischen grandiosen Hauptwerken an der Schwelle von Historismus zu Moderne wie „Tegetthoff in der Seeschlacht von Lissa“ und unsäglich übersteigert wirkenden Motiven wie „Schäferin“ wankt man seines Weges: Welche Substanzen hat dieser Mann genommen? Keine, meint Kuratorin Marianne Hussl-Hörmann, er sei ernsthaft, unglücklich gewesen und verarmt in Wien gestorben.

Sein Schicksal rührt aus mehreren Gründen, vor allem angesichts sonst meist verkehrter Geschlechterverhältnisse: Nachdem sich der 1832 in Atzgersdorf geborene, in Wien und München ausgebildete Maler ein feudales Leben in Rom aufgebaut hatte, samt Ruhm und Traumfrau, ließ diese ihn 1876 mit den fünf Kindern einfach sitzen. Auch der Ruhm war bald weg, die Geschäfte in Rom liefen schlechter, Romako zog nach Wien. Doch die direkte Konkurrenz zum alles beherrschenden historistischen Malerfürsten Makart ging für Romako nicht gut aus. Auch begann er, vielleicht tatsächlich durch das erfahrene Leid, anders zu malen.

 

Kleine „Verrückungen“ der Realität

„Malerischer Extremist“, wie Ralph Gleis ihn im Katalog nennt, trifft es perfekt: Der exzellente Techniker nahm alle damals in der Luft liegenden, in Richtung Moderne weisenden Strömungen auf und experimentierte mit ihnen. Einmal wirken Motive symbolistisch, einmal surreal, einmal erkennt man Manets diffuse Figurenhintergründe, einmal die Fratzen des damals gerade wieder sehr angesagten Goya. Was sich jedenfalls durchzieht, sind Irritationen, kleine „Verrückungen“, wie Hussl-Hörmann es beschreibt, und zwar in den dargestellten Realitätsebenen. Auch das allerweltlichste Allerweltsmotiv bekommt eine Manier: die „Geierwally“ etwa, die bei ihm zur alpinen Sexbombe gerät. Das unglaubliche Großformat „Odysseus und Circe“, das wie die Karikatur eines opulent-theatralen Makart-Gemäldes aussieht. Der Mut Romakos zur Hässlichkeit ist jedenfalls entwaffnend. Mag es damals um die Betonung der Individualität des modernen Menschen gegangen sein, liest man es heute als provokative Schonungslosigkeit: dieses fahlblasse Gesicht der Isabella Reisser (Gattin des „Presse“-Druckereibesitzers) vor abstrakt-wolkigem William-Turner-Hintergrund! Man denkt an die Gespensterhaftigkeit von Richard Gerstls „Schwestern Fey“. Nicht umsonst – man sieht es in anderen Bildern wie dem Fischerkind (1873/75) besser – hat Oskar Kokoschka in Romako den expressionistischen Urahnen erkannt.

Trotzdem ist eine uns heute abschreckende Lieblichkeit immer dabei, ist es das Gerüst für derlei Experimente, für expressive Pinselhiebe und surreale Verschiebungen zwischen Traum und Wirklichkeit. Ebenfalls unserer Art der Kunstbetrachtung entgegen kommt die mögliche Psychologisierung: Hinterlegt mit dem biografischen Wissen über Romako, der selbst schon als Kleinkind Vollwaise wurde, dessen fünf Kinder ihn gesorgt haben (zwei Töchter haben in Rom aus unglücklicher Liebe Selbstmord begangen), wird sogar das Bild eines Mädchens, das ein Kaninchen umschlungen hält, interessant: als Symbol des unschuldigen Menschen, der sich nach Geborgenheit sehnt.

„Anton Romako“, bis 18.6., täglich 10–18, Do bis 21 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2018)