Nordkorea: „Ein Monatsgehalt für ein Kilo Tomaten“

Feiern zum 68. Geburtstag von Kim Jong-il
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Nordkorea feierte am Dienstag den 68. Geburtstag von Machthaber Kim Jong-il. „Die Presse“ sprach mit der früheren Leiterin der deutschen „Welthungerhilfe“ in Pjöngjang über die Zustände vor Ort.

Aus Nordkorea kamen am Dienstag wieder die bizarren Bilder von Aufmärschen von Soldaten, Tänzerinnen, Kindern und sonstigem Jubelvolk in Reih und Glied mit viel Luftschlangen, Feuerwerk und Frohgesang. Grund: Kim Jong-il, seit 1994 der oberste Führer und, wie es bei einer Parade in Pjöngjang hieß, „brillanteste Befehlshaber der heutigen Zeit“, feierte pompös seinen 68. Geburtstag.

Dabei ist das Land, dessen einzige Joker die Atombombe und der Waffenexport sind, bettelarm und isoliert, Industrie und Landwirtschaft sind zerrüttet, ohne Finanz- und Lebensmittelhilfe von außen ginge kaum etwas. „Die Presse“ sprach mit der früheren Leiterin der deutschen „Welthungerhilfe“ in Pjöngjang, Karin Janz (50), über die Zustände vor Ort. Sie verließ Nordkorea vor kurzem nach fünfjähriger Arbeit, ist eine der besten Kennerinnen des Landes und erhielt sogar von der Regierung einen Orden.


Die Presse: Nordkoreas Regierung zieht die Zügel immer straffer, die Bürger dürfen keine Devisen mehr besitzen. Wie reagieren die Leute?

Karin Janz: Es ist unklar, wie sich Märkte und privater Handel entwickeln werden. Wird man überhaupt noch Importwaren kaufen können, wird es einen Schwarzmarkt geben? Die Koreaner sind findig, sie werden sicher für sich eine Lösung finden. Bisher durfte jeder Dollar oder Euro besitzen. Wer Verwandte oder Bekannte im Ausland hat, viele Koreaner leben in China, ließ sich Waren schicken. Dann gab es Tupperpartys in den Wohnungen von Pjöngjang: Man verkaufte für einen Dollar Nylonstrümpfe, die man in China für fünfzig Cent eingekauft hatte.


Jüngst sorgte eine Währungsreform für Unruhe, Läden und Märkte waren geschlossen. Wie kommen die Nordkoreaner an Lebensmittel?

Janz: Sie versorgen sich aus mehreren Quellen: Die Bevölkerung kriegt nicht mehr die vollen Rationen aus dem sogenannten „Öffentlichen Versorgungssystem“, doch es gibt ab und zu Kohl, Reis, Zigaretten, Schnaps. Inzwischen sind die Märkte wieder offen, aber die Waren sind teurer geworden.

Was kann sich ein Lehrer, eine Arbeiterin, ein Beamter leisten?

Janz: Das durchschnittliche Monatsgehalt lag vor der Währungsreform im Dezember bei etwa 5000 Won, das entsprach etwa einem Euro. Obwohl der neue Won zwei Nullen weniger hat, blieben die Gehälter gleich hoch.


Das würde eine deutliche Lohnerhöhung bedeuten...

Janz: Richtig. Theoretisch müssten sich die Nordkoreaner jetzt mehr als früher leisten können. Praktisch allerdings dürfte es schon bald eine Inflation geben.


Was kriegt man für 5000 Won?

Janz: Wie sich die neuen Preise entwickeln, muss man erst sehen. Ein Kilo Tomaten kostete im Winter bisher bis zu 5000 alte Won.


Ein Monatsgehalt für ein Kilo Tomaten? Wie kann man da überleben? Gibt es noch Hunger?

Janz: Viele arbeiten nebenbei. Ein Arzt gibt nach der Arbeit im Spital Computerkurse für einen Dollar die Stunde. Nachhilfe oder Klavierstunden kosten ebenfalls einen Dollar. Niemand kann sagen, was in jeder Provinz, in jeder Stadt, in jedem Dorf los ist – das erfahren auch Koreaner nicht. Ich habe in fünf Jahren relativ viele Orte besucht, bis auf eine Provinz, die für Ausländer in der Regel gesperrt ist. Ich sah wenig offene Zeichen einer Hungersnot, keine ausgemergelten Körper, keine Kinder mit dicken Bäuchen, wie man sie aus Afrika kennt. Allerdings sind die Kinder viel kleiner als ihre südkoreanischen Altersgenossen.

Ansonsten sieht man Felder, gefüllte Speicher und Leute, die Reissäcke tragen. Aber wir wissen, dass es meist im April und Mai für die Menschen schwierig ist, etwas zu essen zu finden, weil die Ernte des letzten Jahres aufgebraucht ist.


Ist es nicht unsinnig, Nordkorea mit Spendengeldern zu helfen, wenn die Armut im Land so offenkundig von der Regierung selbst verschuldet ist?

Janz: Wir helfen da, wo Menschen in Not sind, unabhängig von der Politik ihrer Regierungen. Als wir 1997, in der Zeit der großen Hungersnot, nach Nordkorea kamen, haben wir vor allem Lebensmittel, Kleidung, Heizmaterial verteilt. Mittlerweile helfen wir unter anderem, Saatgut zu verbessern.


Dürfen Sie Kontakte mit der Bevölkerung haben?

Janz: Offiziell ist es nicht gern gesehen, wenn wir direkt mit den Bauernfamilien zusammenarbeiten. Inzwischen haben wir uns aber ein großes Vertrauen geschaffen, so dass es kein Problem mehr ist, auch mal die Menschen in ihren Wohnungen zu besuchen.


Mussten Sie sich Ihre Touren durchs Land genehmigen lassen?

Janz: Wenn wir Pjöngjang verlassen wollen, müssen wir das bis zum Mittwoch der Vorwoche anmelden. Das wird in der Regel problemlos erlaubt.


Aber in der Stadt können Sie sich frei bewegen?

Janz: Ja. Privat durfte ich Pjöngjang allerdings nur verlassen, um in die Stadt Nampo an der 80 Kilometer entfernten Westküste zu fahren.


Frauen dürfen in Pjöngjang nicht Fahrrad fahren, da es angeblich unschicklich ist. Galt das auch für Sie?

Janz: Ich hatte eine Sondergenehmigung. Außerhalb Pjöngjangs dürfen alle Frauen aufs Rad. Eine Erlaubnis für U-Bahn und Straßenbahn hatte ich aber nicht.


Wie verbrachten Sie Ihre Freizeit?

Janz: Samstag ist das große Schwimmbad von Pjöngjang für Einheimische gesperrt, dann dürfen Ausländer rein. Kleinere Badehäuser sind für Ausländer und Koreaner mit Devisen zugänglich. Mit meinen Mitarbeitern ging ich einmal monatlich ins Konzert, dann in eine Kneipe, etwa in der „Taedonggang“-Brauerei.


Es gibt zwei private Pizzerien...

Janz: Richtig, und relativ viele staatliche Kneipen. Dort trinken die Leute zwischen 18 und 20 Uhr ihr Bier, für das sie auch Rationsmarken bekommen.


Konnten Sie koreanische Bekannte anrufen und privat treffen?

Janz: Nein, leider nicht. Ich habe mir immer gewünscht, engere Freundschaften aufbauen zu können, oder wenigstens zwanglos zusammen Kaffee zu trinken und zu plaudern. Das hat leider nicht funktioniert. Schon technisch sind spontane Treffen fast unmöglich: Es gibt verschiedene Telefonnetze, eines für Ausländer, andere nur für Koreaner untereinander. Neuerdings sind aber Handys erlaubt.


Wie viele Fremde sind in Pjöngjang?

Janz: Bei den Hilfswerken derzeit rund 50 internationale Mitarbeiter, hinzu kommen Diplomaten. Geschäftsleute kann man an den Fingern einer Hand abzählen.


Sie sind also ziemlich exotisch für die Nordkoreaner?


Janz: Die meisten wissen nicht, wie schwer es uns gemacht wird, zu ihnen zu kommen. Sie hören vielmehr von ihrer Regierung: „Die ganze Welt ist gegen uns, nur deshalb geht es uns so schlecht.“ Diese Ideologie hält das System zusammen.


Glauben die Menschen das?

Janz: Wir jedenfalls halten ein Fenster nach außen offen und zeigen, dass der Rest der Welt ihnen nicht feindlich gesonnen ist.