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Notizen eines Wahl-Budapesters: Auch die Gewinner werden Verlierer sein

Aufgerissene Stra�e in Budapest
Straßenansicht in Budapest, 1987(c) imago/WEREK (imago stock&people)

Vor 30 Jahren waren die Ungarn hungrig auf neue Entfaltungsmöglichkeiten. Es wurde diskutiert, gestritten, geschwärmt und verflucht. Heute fehlt der leidenschaftliche Glaube an die Veränderbarkeit der Welt: Es herrschen Sprachlosigkeit und Resignation. Notizen eines Wahl-Budapesters.

Schon in den Jahren des kriselnden Staatssozialismus vor 1989 wurde in Ungarn viel gerätselt und geklagt über den tiefen Spalt, der sich mit Anbruch der Neuzeit durch die kleine Nation zieht und sie fast auseinanderbrechen lässt: auf der einen Seite stehen die volksnahen Traditionalisten, auf der anderen die urbanen Kosmopoliten. Die Traditionalisten wollten sich verschanzen und ihre bedrohten Eigenartigkeiten wie in einem Schneckenhaus sichern. Dieses Gehäuse sollte möglichst groß, rein ungarisch und abgeriegelt sein, nur so habe die Nation, umkreist von lauter Slawen und Germanen, eine letzte Chance auf eine eigenständige Zukunft und souveräne Identität. Die Urbanen sahen das genau umgekehrt. Ungarn liege im Herzen Mitteleuropas und müsse sich mit der Welt mutig und klug vermischen. Gerade in der Kommunikation liege die Chance auf eine glückliche Zukunft, in der Abriegelung dagegen die Gefahr einer austrocknenden Bedeutungslosigkeit.