Tutanchamun wurde nicht ermordet

(c) AP (Markus Stücklin)

Die Analyse von Mumien der 18. Dynastie ergab: Tutanchamun war Echnatons Sohn. Seine Füße waren krank, er litt an Immunschwäche. Fest steht, dass er nicht ermordet wurde. Möglich, dass ihn die Malaria tötete.

Wegen missgebildeter, bereits von Nekrose befallener Füße auf Krücken angewiesen, von Entzündungen und allgemeiner Immunschwäche geplagt, war der erst 19 Jahre alte Pharao Tutanchamun eine leichte Beute für die in seinem Land seit Jahrhunderten grassierende Malaria. Ob diese die unmittelbare Todesursache war oder ein Unfall, bei dem er sich den Oberschenkel gebrochen hatte, ist kaum zu klären. Ein Königsmord, wie lange vermutet, war es nicht.

„Die Missbildungen dieses jungen Burschen, von der Kieferspalte bis zum Klumpfuß, haben mich schon betroffen gemacht“, sagt Carsten Pusch, Genetiker an der Universität Tübingen, der „Presse“. Mit großteils ägyptischen Kollegen hat er eine umfassende, erstmals auch genetische Methoden verwendende Studie über Tutanchamun (von den Forschern lässig „Tut“ genannt) und zehn anderen königlichen Mumien aus der 18.Dynastie publiziert (JAMA, 303, S.638).

 

„Kollektion von Missgeburten“

Dieses Herrschergeschlecht ist mehrfach faszinierend: Nie wieder sollten religiöse Reformation und Gegenreformation so schnell aufeinanderfolgen wie unter dem ersten Monotheisten Echnaton und seinen Erben. Dazu kommt ein morbider, ja dekadenter Reiz. Auf Bildern erscheine die königliche Familie als „eine Kollektion von Missgeburten“, schrieb Egon Friedell, „mit sonderbar entarteten Schädeln, eingesunkenen Brustkörben, welken Armen, abfallenden Schultern, grotesken Hängebäuchen über kümmerlichen Zündhölzchenbeinen“.

Schon Friedell sprach von „grillenhaften Übertreibungen“ eines ins Karikaturenhafte gesteigerten Naturalismus, doch etliche ernst zu nehmende Ägyptologen attestierten der 18.Dynastie diverse physiognomische Anomalien. Der Medizinhistoriker Irwin Braverman diagnostizierte an Echnaton das Marfan-Syndrom, das lange Finger, langen Schädel und Verweiblichung bringt. Andere fanden, er sei eine androgyne Erscheinung, wenn nicht ein Zwitter gewesen.

 

Vom König dekretierter Stil

Die Autoren der neuen Studie zerstören all diese Mythen: „Es ist unwahrscheinlich, dass Tut und Echnaton bizarr oder feminin aussahen.“ Sie fanden keine Anzeichen für Gynäkomastie (Vergrößerung der Brust bei Männern) oder für das Marfan-Syndrom. Auch keine Missbildungen des Schädels. „Zuerst dachte ich, ich hätte mich verrechnet“, erzählt Pusch, „aber dann war mir klar: Diese Pharaonen hatten gar keine Dolichocephalie, keine Langschädel, die Kopfformen Echnatons und Tuts sind nach der üblichen metrischen Analyse sogar als Brachycephalie (Kurzköpfigkeit) zu klassifizieren.“

Die typischen künstlerischen Darstellungen seien also ein „vom König dekretierter Stil, der höchstwahrscheinlich mit den religiösen Reformen zu tun hat“, heißt es in der Studie. In Wirklichkeit, ergänzt Pusch, repräsentierten die Pharaonen „den normalen Habitus der damaligen ägyptischen Population, von der wir nicht wissen: Leben noch heute Nachkommen? ThutmoseII. (ebenfalls aus der 18.Dynastie, auch seine Mumie wurde analysiert) hatte die gleichen Features, aber auch im Grab Tuts dargestellte Damen. Das war eben ein ganz graziles, kleines, feines Völkchen.“

 

Stammbaum über fünf Generationen

Stolz ist Pusch darauf, dass es gelungen ist, durch DNA-Vergleiche einen glaubhaften Stammbaum über fünf Generationen zu konstruieren. Ganz oben stehen der hohe Beamte Juje und seine Frau Tuja, begraben im Königsgrab Nummer 46 (KV46). Ihre Tochter Teje war die „Große königliche Gemahlin“ von Amenophis III., beide lagen in KV35, dazu eine weitere weibliche Mumie. „Priester haben oft nach Grabräubereien beschädigte Mumien in besser bewachten Kammern zusammengelegt, mit der Absicht, Familienverbände zu vereinen“, erklärt Pusch. Wer war die zweite weibliche Mumie in KV35? Erstens eine Tochter von Amenophis III. und Teje, damit eine Schwester von Echnaton. Zweitens zeugte sie mit diesem einen Sohn: Tut, den Kindkönig, der die Reformen des Echnaton rückgängig machte, der davor den Amun-Namen seines Vaters aus den Steinen hatte kratzen lassen!

 

Ist Mumie KV35 die Nofretete?

War Echnatons Schwester und Tuts Mutter gar die berühmte Nofretete? Überliefert ist nur, dass sie Echnatons Hauptfrau war und ihm sechs Töchter gebar. Hat das ägyptische „crazy couple“ (Pusch) den Sohn verschwiegen? Da kann man nur spekulieren. „Natürlich sind wir besessen von der Idee, die schönste Frau Ägyptens zu würdigen“, sagt Pusch lächelnd. „Obwohl: So schön war sie gar nicht. Bei der CT-Untersuchung fand man unter der Oberfläche ihrer Büste eine zweite, naturalistischere Oberfläche, mit Fältchen und nicht ganz gerader Nase...“

 

Tuts Frau war seine Schwester

Zurück zur (inzestuösen) Familiengeschichte. Die bisher nicht identifizierte Mumie aus KV21 war wahrscheinlich Tuts Schwester oder Halbschwester und zugleich seine Ehefrau – und Mutter der beiden weiblichen Föten, die in Tuts Grab (KV62) gefunden wurden. Es ist plausibel, dass die durch die zwei aufeinanderfolgenden Geschwisterehen geschwächte genetische Fitness an diesen Totgeburten schuld war.

Unter den Funden in Tuts (1922 entdecktem) Grab waren auch an die 130 offenbar als Krücken verwendete Stöcke, teils mit Abnützungserscheinungen. Die nun diagnostizierten Missbildungen an den Füßen des Pharaos (Morbus Köhler II) sprechen dafür, dass er schon vor seinem Sturz auf Gehbehelfe angewiesen war. Auch Medikamente gab man ihm ins Jenseits mit: Die 36 Körbe mit Pflanzensamen enthielten u.a. Koriander und Christdorn (Ziziphus spina-christi), mit denen man schon im alten Ägypten Fieber und Schmerzen bekämpfte.

 

DNA-Spuren von Malaria

Eine Ursache von Fieber, Malaria tropica, konnte (im Gegensatz zu anderen Krankheiten wie Tuberkulose und Lepra) durch DNA des Erregers belegt werden – in Tutanchamun, aber auch in Juje und Tuja, die offenbar trotz Infektion ein Alter von 50 bis 60 Jahren erreichten. Dass die Malaria im alten Ägypten grassierte, ist keine Überraschung: Moskitos werden in einem ägyptischen Text – und auch bei Herodot – erwähnt, an dem Bett der Königin Hetepheres (vierte Dynastie) fand man Spuren, die als Befestigung eines Moskitonetzes interpretiert wurden.