Weltweit scheinen Großmütter einander ähnlich zu sein – konservativ, liebevoll, mit eigenem Kopf: Eine Peruanerin berichtet.
Jetzt ist meine Großmutter seit drei Jahren tot. Diese Abuelita war eine besondere Frau. Sie war außergewöhnlich schön. Bis zuletzt hatte sie dichte, lange, schwarze Haare, die über den Rücken fielen. Sie ging nie zum Friseur, pflegte diese Haare selbst mit Naturmitteln.
Sie lebte in Cusco – dort kommt meine Familie her, weit entfernt von Lima. Wir fuhren jeden Sommer nach Cusco, in diese wunderbare Gegend – es gibt in Peru nichts Schöneres als Cusco! Meine Großmutter besaß eine Farm mit Hühnern. Die legten so viele Eier, dass wir oft nicht wussten, wohin mit den Eiern. Wir wünschten uns oft, dass sie uns in Lima besuchen komme, aber sie zeigte wenig Interesse. Die Stadt war für sie eine Ansammlung hinterhältiger Menschen und Gefahren.
In Cusco ist man konservativ. Die Abuelita hatte meinen Großvater – den ich nie kennengelernt habe – schon mit siebzehn geheiratet. Er war damals bereits fünfzig. Als er fünfzehn Jahre später starb, war sie also für heutige Begriffe noch eine junge Frau. Doch am Totenbett verbot er ihr, wieder zu heiraten. An diese Anweisung hielt sie sich. Sie blieb ihm treu, obwohl er ihr nie treu gewesen war – er hatte mit anderen Frauen eine Menge außerehelicher Kinder gezeugt. Immerhin hinterließ er jedem einzelnen Kind ein Haus. Die Abuelita hätte jedes Recht gehabt, vom moralischen Standpunkt her, sich einen neuen Mann zu suchen, aber sie fühlte sich an das Wort des verstorbenen Mannes gebunden.
Dabei war die Abuelita intelligent. Sie liebte es, zu lesen. Mein Vater besorgte ihr immer Lesestoff – es musste groß gedruckt sein, denn sie sah schlecht. Merksprüche, Bücher mit Weisheiten, solche Texte mochte sie. Eine unglaubliche Freude hatte sie mit der Bibel. Das war für sie das tollste Geschenk. Sie konnte Nachmittage lang vor ihrer Bibel sitzen und sie langsam, eine Seite nach der anderen, durchgehen. Ich erinnere mich gut an ihr ernstes Gesicht, wenn sie die Seiten umblätterte.
Schließlich kam sie nach Lima. Sie flog mit dem Flugzeug von Cusco in die Hauptstadt – erstaunlich in ihrem Alter – und blieb einen ganzen Monat. Aber nicht, dass sie jemals die Wohnung verlassen hätte.
„Abuelita, willst du nicht an den Strand fahren? Abuelita, willst du nicht das Meer sehen?“ – „Nein.“ – „Möchtest du nicht Miraflores kennenlernen, den noblen Küstenstreifen, oder Limas Altstadt mit den imposanten Kirchen?“ – „Nein, nein, nein.“ Die Abuelita blieb lieber zu Hause. Sie war ja schließlich bei uns zu Besuch, nicht bei Lima! Immerhin brachten wir sie einmal so weit, dass sie sich im Zentrum die Plaza de Armas ansah. Sie rümpfte die Nase. Zu viele Menschen, schlechte Luft.
Als die Abuelita wieder nach Hause geflogen war, konstatierten meine Eltern, es habe keinen Sinn, sie wieder nach Lima einzuladen. Wenn wir sie treffen wollen, müssen wir sie eben in Cusco besuchen. Gegen diese Lösung erhob keiner einen Einwand – es gibt nichts Schöneres in Peru als Cusco!
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at
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