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Bulgarien: Der Mafiapate als Versicherungschef

Petrow.
(c) Reuters
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Die Männer hinter den zwei großen bulgarischen Versicherungen, Alexej Petrow und Krassimir Marinow, sind in Haft. Vorwürfe sind unter anderem Betrug, Förderung der Prostitution und Erpressung.

Sofia. Im Mai 2009 stach die Versicherungsgesellschaft Lev Ins mit einem innovativen Produkt hervor, einer Versicherungspolice für den Entführungsfall. Heute sitzt ihr Gründer Alexej Petrow als mutmaßlicher Kopf einer kriminellen Vereinigung in Untersuchungshaft. Im Rahmen der Operation „Oktopus“ wurde die graue Eminenz von Lev Ins gemeinsam mit dreizehn Verdächtigen verhaftet. Innenminister Zwetan Zwetanow wirft Petrow – alias Traktora – eine breite Palette von Untaten vor, darunter Betrug, Steuerhinterziehung, Förderung der Prostitution, Erpressung und Kontakte zu der im Dezember 2009 verhafteten Entführerbande „Naglite“ (die Frechen). Lev Ins ist eigenen Angaben zufolge Bulgariens drittgrößte Versicherungsgesellschaft und zählt zu ihren 700.000 Kunden auch die Ministerien für Verteidigung und Wirtschaft.

 

Einst verdeckter Ermittler

Alexej Petrow, einst verdeckter Ermittler des Nationalen Sicherheitsdienstes und bis August 2009 noch Berater des Chefs der Agentur für Nationale Sicherheit, gilt heute als mutmaßlicher Kopf der „Oktopusse“. Petrow ist aber auch ein alter Bekannter und Karatebruder von Ministerpräsident Bojko Borissow, Mitte der 1990er-Jahre waren sie Partner in der gemeinsamen Firma Budoinvest. So vermuten manche, die Verhaftung Petrows könnte eine persönliche Angelegenheit Borissows zur Begleichung alter Rechnungen sein. „Mutri (Gangster) hauen andere Mutri nach Mutriart“, kommentierte etwa die Sozialistin Tatjana Dontschewa die Operation „Oktopus“. Borissow weist dies als „Hirngespinste“ zurück.

In Bulgariens an schillernden Figuren reicher zwanzigjähriger Übergangsperiode vom Sozialismus zur Marktwirtschaft ist Alexej Petrow eine der auffälligsten und geheimnisvollsten Gestalten. Nach seinem Ausscheiden aus einer Anti-Terror-Einheit des Innenministeriums 1992 gründete er zunächst die Wachgesellschaft Atlas und 1994 das Versicherungsunternehmen Apollo & Bolkan, aus dem später Lev Ins hervorgehen sollte. Sein damaliger Partner Zlatomir Iwanow – Baretata – sitzt seit Februar 2009 unter dem Verdacht des Kokainhandels in Untersuchungshaft.

Alexej Petrow ist nicht der einzige „tatverdächtige Versicherungsmensch“ in Bulgarien. Wenige Stunden nach dem Mord am „Mafia-Autor“ Bobi Zankow Anfang des Jahres durchsuchten die Ermittlungsbehörden den Unternehmenssitz der Versicherung Bul Ins, die dem in Bulgarien als der Große Margin bekannten Krassimir Marinow zugerechnet wird. Als das Gericht von der Staatsanwaltschaft vorgelegte Beweismittel, die dem Großen Margin die Auftragsvergabe für den Mord an Zankow zuschrieben, als unzureichend zurückwies und ihn auf freien Fuß setzte, änderte Staatsanwalt Nikolai Kokinow den Tatvorwurf umgehend auf „Organisierung einer Drogenbande“, um Marinow erneut in Untersuchungshaft zu bringen.

Damit nicht genug: Auch Bulgariens dritte große Versicherung, Armeetz, ist Teil eines Unternehmenskonglomerats, TIM, dessen Geschäftsmethoden nicht immer legal gewesen sein sollen. Europaweite Bekanntheit erlangte TIM zuletzt durch die gescheiterte Kandidatur Rumiana Schelewas zur EU-Kommissarin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2010)