Rodel-Silber: Revolution im Eiskanal

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Silber ist für Rodlerin Nina Reithmayer erst der Anfang, die Innsbruckerin überzeugt mit Konsequenz und Ehrgeiz. Jetzt lebt sie den Traum, einen Titel zu gewinnen. Vielleicht schon in Sotschi 2014.

Noch nie war Nina Reithmayer so glücklich. Selten hat man die 25-jährige Tirolerin so strahlen gesehen. Doch mit der Silbermedaille um den Hals, die sie zuvor im Damen-Rodelbewerb gewonnen hatte, war sie vollkommen verändert. Reithmayer, die im Weltcup zuvor nie über Platz drei hinausgekommen war, stand bei den Winterspielen von Vancouver im Rampenlicht. Sie hatte wahrlich ein Kunststück vollbracht.

Von 13 bisher bei olympischen Spielen ausgetragenen Rodelbewerben gewannen Deutschlands Frauen, DDR-Athletinnen inklusive, neunmal. Seit den Winterspielen 2002 von Salt Lake City war das komplette Podest fest in deutscher Hand. Seit 1999 stellt das Nachbarland unangefochten auch die Gesamt-Weltcupsiegerin. Und hätte es Angelika Neuner 2001 nicht auf Platz drei geschafft, Deutschland hätte seit 1999 durchgehend die drei besten Weltcup-Rodlerinnen gestellt. Schließlich haben sie seit 1997 jedes einzelne Weltcuprennen gewonnen.

Trainer aus Deutschland

Nina Reithmayer hat mit der Silbermedaille von Vancouver diese Phalanx beendet. Natürlich bleibt Neuners Olympiasieg von Albertville 1992 unvergessen und unantastbar, sagt sie. Doch der Erfolg habe ihr nun gezeigt, dass die zuvor als fast unschlagbar eingestuften Deutschen durchaus in Reichweite sind. Noch gab es kein Vorbeikommen an Tatjana Hüfner, dafür war sie zu überlegen. Doch was nicht ist, kann ja noch werden, denken sich nun Rodel-Sportdirektor Markus Prock und Cheftrainer Rene Friedl.

Friedl, der Deutsche, betreut Österreich seit der Saison 2005/2006 und führte den Doppelsitzer Wolfgang und Andreas Linger auf Anhieb in Turin zu Gold, ortet bei Reithmayer noch weiteres Potenzial. Und er traut ihr definitiv zu, die Deutschen auch schlagen zu können. Das hat er seinem Schützling nach der Medaillenfeier auch ins Ohr geflüstert. Reithmayer nickte und verriet nur so viel: „Ich muss sehen, was ich draufhabe. Die Trainer haben es mir gesagt. Nur habe ich es noch nicht realisiert. Ich werde da anknüpfen und so weitertrainieren.“

Silber ist schön, aber für sie noch nicht genug. Denn jetzt lebt sie den Traum, einen Titel zu gewinnen. Vielleicht schon in Sotschi 2014. Reithmayer: „Die Deutschen sind doch auch nur Menschen so wie wir. Das sind keine Maschinen, sondern doch nur Rodlerinnen.“

Vater war Bobfahrer

Die Innsbruckerin überzeugt mit Konsequenz und Ehrgeiz, den sie manchmal aber auch übertrieb. Sie musste lernen, sich sowohl ihrem Schlitten als auch dem Eiskanal emotionsloser, lockerer zu nähern. Was sie aber nicht daran gehindert hat, ihr großes Ziel schon bei der Abreise nach Kanada bekannt zu gegeben. Sie fahre nicht nach Vancouver, sagte sie vor knapp zwei Wochen, um dort als Tourist das Event zu genießen. „Ich will eine Medaille holen.“

Weil ihr Vater, Walter, einst Bobfahrer war, entdeckte Reithmayer als kleines Mädchen schnell ihr Interesse am Eiskanal. Sie entschloss sich aber, lieber zu rodeln. Angst, der steilen Kurven oder des hohen Tempos wegen, habe sie nie gehabt. Auch hier in Vancouver trotz des tragischen Unfalls des Georgiers Nodar Kumaritaschwili nicht.

Um als Rodlerin Erfolg zu haben, müsse man auf viele Dinge Wert legen, die andere in die Flucht treiben würden. Ohne tägliches Training und mehrere Stunden in der Kraftkammer gehe nichts. Dazu brauche man einen flotten Schlitten und das Know-how aller Beteiligten. Ohne Markus Prock, der ihr während des bewerbes kaum von der Seite gewichen war, wäre es wohl nicht gelungen. Er sprach ihr laufend Mut zu und beruhigte die Sportsoldatin. Denn diese Medaille ist für den Verband viel wert. Sie nehme allen anderen den Druck, meint Prock, der mit den Doppelsitzern Linger/Linger und Schiegl/Schiegl noch zwei Podestanwärter in den Eiskanal schickt.

Auch für Nina Reithmayer ist Olympia noch nicht vorbei. Denn ihr Freund, Matthias Guggenberger, tritt heute und am Freitag bei seinem Debüt im Zeichen der Fünf Ringe im Skeleton an. Er hatte sie nach der vierten und letzten Fahrt völlig aufgelöst und verweint in die Arme genommen. Seit 2006 sind die beiden ein Paar, aber so eine emotionale Reaktion hatte Reithmayer von ihm noch nie gesehen. Dennoch beruhigte sie ihn schnell. „Ich habe zu ihm schon gesagt, dass ich die Bahn schon für ihn aufgewärmt habe...“ finne

ZUR PERSON

Nina Reithmayer wurde am 8.Juni 1984 in Innsbruck geboren. Die Rodlerin rast für die Eisbären Innsbruck durch den Eiskanal, seit 2002 zählt sie zum ÖRV-Kader.

Die Silbermedaillen-Gewinnerin geht gerne tanzen, mag Handball und liebt gutes Essen.

Die Staatsmeisterin und Sportsoldatin ist seit 2006 mit Matthias Guggenberger liiert, der heute im Skeletonbewerb starten wird. [Gepa]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2010)

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