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Befreit die Schauspieler von Regisseuren!

Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ könnte sehr witzig sein. Christian Brey jedoch jagt das tapfere Ensemble durch eine teilweise sinnlose Tour de Force mit zu viel schlechtem Slapstick. Birgit Stöger begeistert.

Die eine Schauspielerin hat nach fünf Jahren am Theater Gallensteine, die andere laboriert wochenlang an gebrochenen Rippen. Die Bühnenkunst schindet heute zu sehr die Künstler. Thomas Frank muss als junger Bildhauer Brindsley Miller in Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ eine Metalltreppe kopfüber hinunterkollern. Klar, so etwas lernt man in der Schauspielschule, aber cui bono? Wem nutzt das? Der Aufführung sicher nicht. Die schöne Nadine Quittner wurde bis zur Unkenntlichkeit als blondes Dummchen kostümiert. Steffi Krautz muss gefühlte 50 Mal hintenüber aufs Sofa kippen, Sebastian Pass immer und immer wieder exaltierte Schreie ausstoßen. Jeder Gag wird mindestens zehnmal bis zur völligen Erschöpfung des Spaßes wiederholt. Die Verwechslung von Screwball-Comedy mit Klamotte schmerzt . . .

Die Auswüchse der Konzeptkunst

Dabei ist Regisseur Christian Brey ein erfahrener Komödienspezialist. Von der „Lustigen Witwe“ bis zum „Nackten Wahnsinn“ von Michael Frayn, von „Hase, Hase“ (Coline Serreau) bis Oscar Wildes „Bunbury“ hat der frühere Schauspieler schon alles durchgenommen – und auch für den gewiss anspruchsvollen Entertainer Harald Schmidt gearbeitet. Allerdings scheint Brey einer von den Regisseuren zu sein, die Darstellern rücksichtslos ihre Konzepte überstülpen, ohne sie richtig anzusehen. Darum müssen sie auch möglichst stark verfremdet werden, mit dem Ziel, eine Kulturgeschichte der Sechzigerjahre zu erzählen, den Bruch zwischen Revolte und Rückschritt zu illustrieren. Gute Idee, aber so geht's nicht . . .

Sir Peter Shaffer, der 2016 mit 90 Jahren starb, hatte einen sicheren Instinkt für tolle Expositionen. Dass Salieri Mozart nicht ermordet hat, kümmerte keinen, als Shaffer seinen Welterfolg „Amadeus“ herausbrachte. Mit „Equus“ stieg der Cambridge-Absolvent in die Untiefen der Seele hinab. „Die Komödie im Dunkeln“ bescherte Shaffer 1965 den internationalen Durchbruch. Die kulturgeschichtlichen Metaebenen machen das Werk auch heute noch spannend, über den genialen Grundeinfall hinaus.

Das Dunkel ist licht genug

Der Vorhang geht auf. Die Bühne ist dunkel. Ein Pärchen tappt herum. Die beiden erwarten Gäste, den Vater des Mädchens und den wichtigen Kunstsammler, der dem jungen Bildhauer die Profite bescheren soll, die seine Einheirat in bessere Kreise ermöglichen wird. In der Folge spielen die Figuren immer dann, dass sie im Dunkeln sind, wenn das Publikum sie im Licht sieht und umgekehrt. Den Kniff übernahm Shaffer von Schwertkämpfern der Peking-Oper, die im Finstern fochten: Gewissermaßen ein illuminiertes Ritual, das sich auch hier ereignet, wenn auch auf andere Weise. Der Stromausfall macht alle toll und tollpatschig.

Bildhauer Brindsley (Frank) entlarvt sich als zügelloser Verführer und Säufer, der Damen und Herren Hoffnung macht. Antiquitätenhändler Harold (Pass) ist dementsprechend erschüttert und sauer, als er bei seiner überraschenden Rückkehr vom Lande feststellt, dass nicht nur seine wertvollen Möbel ausgeliehen wurden, um Brindsleys Gäste zu beeindrucken, sondern dieser auch heiratet, eine Frau. Am großartigsten in dieser Aufführung ist Birgit Stöger, die sich in einen „Klotz am Bein“ à la Feydeau verwandelt hat. Dieses Hippiemädchen mit roten Haaren namens Clea wirkt weniger erotisch als zielstrebig und raffiniert.

Erst hat sie Lover Brindsley verlassen, jetzt aber will sie ihn wieder zurück. Im Oberstock muss sich Clea überstürzt in eine Putzfrau verwandeln, um nicht entdeckt zu werden. Stefan Suske wiederum entzog sich auf die einfachste Weise dem hektischen Treiben der Inszenierung: Er hat Glück, er spielt einen britischen Colonel, typenmäßig ist das nicht ideal, aber als strenger Papa erweist er sich als unüberwindlich und skurril. Auch Sebastian Klein als Monteur Schupanski, ein Emigrant aus Russland, der in Oxford studiert hat, gefällt. Manchmal muss man bei dieser Aufführung lachen, manchmal möchte man rufen: „Befreit die Schauspieler von Regisseuren!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2018)