Über viele Jahre verlor der Standort an Attraktivität. Statt nun wieder aufzuholen, stagniert er. Konkrete Tipps von Deloitte: Ganztagsschulen und ein Gesundheitssystem wie Israel.
Wien. Die Sonne scheint, die Blumen sprießen, die Wirtschaft wächst kräftig, und die Regierung verspricht Reformen. Das sollte doch die Klagen über die sinkende Attraktivität des Standortes Österreich zum Verstummen bringen. Bernhard Gröhs hebt verheißungsvoll an: Der heimischen Wirtschaft gehe es aktuell „ganz exzellent“, räumt der Chef von Deloitte Österreich ein. Aber ach: Gerade das sei „brandgefährlich“, weil es uns in eine „Bequemlichkeitsfalle“ locke.
Denn: Die fünf wichtigsten Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit zeigen ein anderes Bild. Die leichte Verbesserung im Vorjahr war nicht nachhaltig. Nachdem es ein Jahrzehnt lang steil bergab ging, stagniert Österreich nun: Im Schnitt der Platzierungen reicht es global nur mehr für Platz 19. Im Jahr 2008 war noch Rang 14 drin.
Diese ernüchternde Zusammenschau ergänzen die Berater in ihrem „Standortradar“ schon das fünfte Mal um eigene Expertise und Erfahrungen ihrer Klienten. Heraus kommen in Summe 3,0 von fünf möglichen Punkten – gleich wenig wie im Vorjahr.
Die suggestive Idee dahinter: Österreich lebe von seiner Substanz. Die Pro-Kopf-Einkommen sind nämlich immer noch die sechsthöchsten in Europa, bei der Standortattraktivität reicht es im europäischen Vergleich aber nur mehr für Platz elf bis zwölf. Die Befürchtung ist, dass die Volkswirtschaft bald auch beim Wohlstand zurückfällt, wenn die richtigen Zukunftsentscheidungen ausbleiben. Zumindest in die Gegenrichtung hält Gröhs den Zusammenhang für erwiesen. So haben asiatische Tigerstaaten wie Südkorea zuerst ihren Standort attraktiver gemacht und später die Früchte geerntet, indem sie andere beim Wohlstand überholten. Sicher: Die türkis-blaue Regierung schreibt sich ihr Ziel eines attraktiven Wirtschaftsstandorts ins Programm, auf die Fahnen und sogar in die Verfassung. Aber bei Deloitte will man abwarten, ob den Ankündigungen Taten folgen. Und Partnerin Gundi Wentner ergänzt: „Nur weil die Wirtschaft in der Verfassung steht, sind die Probleme nicht gelöst.“
Baustellen Kosten und Bildung
Die größte Baustelle bleiben die Kosten. Das große Vorbild findet sich gleich nebenan: In Deutschland liegt die Steuer- und Abgabenquote bei 40 Prozent des BIPs und damit um fast drei Punkte niedriger als hierzulande. Zugleich erzielen die Deutschen schon seit Jahren eine schwarze Null in ihrem Staatshaushalt, was sich Finanzminister Löger trotz konjunkturbedingt sprudelnder Einnahmen erst für 2019 vornimmt. Und das teure Gesundheitssystem? Hier lobt CEO Gröhs Israel als Vorbild. Dort stehen vier private Krankenkassen im Wettbewerb und werden staatlich nur kontrolliert. Von dem Umbau hätten „alle profitiert“, auch die Patienten können sich über eine der weltweit höchsten Lebenserwartungen freuen. In Österreich hingegen sei „der Abstieg schon da“, mit weniger Wahlärzten und mehr Zweiklassenmedizin.
Ähnlich dringlich sieht man bei Deloitte die Situation auf dem Arbeitsmarkt: „Zwei von drei unserer Klienten sagen, dass die mangelnde Verfügbarkeit von Mitarbeitern der größte limitierende Faktor fürs Wachstum ist“, berichtet Wentner. Dabei bleibt die Arbeitslosigkeit weiterhin recht hoch, mit zwei großen Gruppen: Ältere und Pflichtschulabgänger. Die Personalexpertin fordert mehr Kinderbetreuungseinrichtungen und hält ein flammendes Plädoyer für das anderswo übliche Ganztags-Regelschulsystem, um die „sehr schlechte“ soziale Durchlässigkeit zu erhöhen: „Nur so kann man sozial Schwächere und Kinder mit Migrationshintergrund besser mitnehmen“ – weil ihre Eltern gar nicht in der Lage wären, am Nachmittag beim Lernen zu helfen.
Verlust an Lebensqualität
Zugleich könnten so mehr Frauen Vollzeit arbeiten. Deren im EU-Vergleich untypisch hohe Teilzeitquote sieht Wentner als Hemmschuh für Chancengleichheit: „Wer in Teilzeit arbeitet, ist oft schwer einsetzbar, wird weniger weiterqualifiziert und nie Führungskraft.“ Somit „nützen wir die Hälfte des Arbeitskräftepotenzials nicht“. Ähnlich sieht es die OECD, deren Better Life Index in den Radar einfließt. Damit fiel Österreich ausgerechnet bei der viel gerühmten Lebensqualität zurück, wegen mangelnder Chancengleichheit und schlechter Pisa-Resultate. Obwohl die Veilchen im Prater so schön blühen wie eh und je.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2018)