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Tennis: Wochen der Wahrheit

Rafael Nadal
Rafael NadalREUTERS
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Nur der Weltranglistenerste Rafael Nadal hat in den kommenden zwei Monaten bis zu den French Open mehr Punkte zu verteidigen als Dominic Thiem. Anderen Spielern wie Juan Martín del Potro bietet die Sandplatzsaison eine große Chance.

Wenn am Sonntag in Monte Carlo die Sandplatzsaison offiziell eröffnet wird, dann reiben sich Tennisromantiker Hände und Augen. Nach Turnieren in Australien, Südamerika und den USA machen die Stars der ATP Tour für einige Wochen in Europa Station, der Startschuss zur Sandplatztournee fällt traditionell im Monte Carlo Country Club. Auf der 1928 errichteten Anlage finden sich 21 Sandplätze und, für Trainingszwecke, auch zwei Hartplätze. Der Pariser Architekt Charles Antoine Letrosne dürfte vom Komplex vor 90 Jahren genauso geschwärmt haben wie es Spieler und Fans heute noch tun. Der Court Rainier III, nur einen Steinwurf vom Ligurischen Meer entfernt, gilt für viele als der schönste Center Court der Welt.

Regent aus Mallorca. Rafael Nadal nennt den Court Rainier III sein Wohnzimmer, wobei der Spanier angesichts seiner ausufernden Erfolge auf Sand mehrere solcher Wohnzimmer besitzt. Zehn Mal hat Nadal im Fürstentum gewonnen, und auch heuer führt der Titel in Monte Carlo ganz ohne Zweifel über die kraftvollen Schläge des Linkshänders. Nadal liebt die nun anstehende Turnierserie, ginge es nach dem 31-Jährigen, könnte das ganze Jahr auf roter Asche gespielt werden. Nadal sehnt sich nach Siegen, nun umso mehr, weil sein Körper 2018 wie schon so oft streikte. Bei den Australian Open im Jänner verließ er unter Tränen den Platz, eine Verletzung am rechten Hüftbeuger hatte ihn folglich rund zehn Wochen pausieren lassen. Erst vergangene Woche kehrte der 31-Jährige beim Daviscup-Viertelfinale auf Sand gegen Deutschland zurück. Mühelose Siege gegen Alexander Zverev und Philipp Kohlschreiber lassen vermuten, dass er die turnierfreie Zeit sinnvoll genutzt hat.

Doch auf Nadal lastet zwischen April und Juni stets auch immenser Druck. Kein anderer Spieler hat im Vorjahr mehr Punkte (4680) während der europäischen Sandplatzsaison geholt als der Iberer, bei nur fünf (!) Turnieren (Monte Carlo, Barcelona, Madrid, Rom, Roland Garros) holte Nadal insgesamt 53 Prozent seiner Gesamtpunkte (siehe Grafik). Veranschaulicht wird die Dominanz 2017 durch die Tatsache, dass Nadal nur ein einziges Match verloren hat: Gegen Dominic Thiem im Viertelfinale von Rom.

Österreichs Aushängeschild wird auf Asche seit Jahren hoch gehandelt und gilt als erster Anwärter auf den Thron Nadals, sofern dieser ihn in den nächsten Jahren überhaupt räumen sollte. Thiem hat im Frühjahr 2017 zwar kein Turnier gewonnen, für den Schützling von Günter Bresnik steht bis zu den French Open in Paris verhältnismäßig aber sogar noch mehr auf dem Spiel. Der Weltranglistensiebente hat in den kommenden Wochen 56 Prozent seiner Punkte zu verteidigen.

Bei einem außergewöhnlich schlechten Abschneiden könnte der Lichtenwörther aus den Top 20 der Weltrangliste fallen. Über sein aktuelles Leistungsvermögen herrscht Rätselraten, Monte Carlo soll Klarheit bringen. Eine in Indian Wells erlittene Knöchelverletzung hatte den 24-Jährigen zu Absagen in Miami und für den Daviscup gezwungen, seit zwei Wochen steht Thiem wieder im Training.

Getoppt wird der prozentuelle Anteil der zu verteidigenden Sandplatzpunkte nur durch Novak Djoković (64 Prozent) und Stan Wawrinka (91 Prozent), doch hinter deren Verfassung steht auch ein großes Fragezeichen. Djoković irritierte zuletzt mit Niederlagen gegen Spieler, die ihn in der Vergangenheit vor keinerlei Probleme gestellt hätten. Die persönliche Talfahrt jährt sich bald zum zweiten Mal, seit dem French-Open-Sieg 2016 befindet sich der ehemalige Weltranglistenerste und aktuelle 13. in einem Dilemma. Aufgrund von Differenzen gab Djoković vor zwei Wochen die Trennung von Trainer Andre Agassi bekannt, „viel zu oft“ sei man unterschiedlicher Ansicht gewesen, erklärte der US-Amerikaner.

Djokovićs Orientierungslosigkeit auf dem Court soll nun von seinem früheren Langzeitcoach, Marian Vajda, behoben werden. Es ist ein Hilfeschrei des spielerisch schon lange nicht mehr wiederzuerkennenden Serben, der immer noch auf der Suche nach sich selbst ist. Nach der Trennung von Boris Becker Ende 2016 entließ Djoković ein halbes Jahr später seinen gesamten Trainerstab inklusive Vajda und dem österreichischen Fitnesscoach Gebhard Gritsch. Die Zusammenarbeit mit dem Spanier Pepe Imaz, eine Art Guru, wurde von vielen Seiten kritisch beäugt. Verläuft die Sandplatzsaison für Djoković nicht nach Wunsch, droht sogar ein Rückfall außerhalb der Top 60.

Die große Chance. Doch längst nicht alle Top-Spieler stehen bis zu den French Open unter Druck, es gibt auch andere Extreme. Juan Martín del Potro zum Beispiel, der nach Roger Federer zweiterfolgreichste Spieler des Jahres, hat magere 310 Punkte (sechs Prozent) zu verteidigen. Ein weiterer Vorstoß des Argentiniers in der Weltrangliste von Platz sechs auf drei ist durchaus wahrscheinlich. Ähnlich verhält es sich beim Bulgaren Grigor Dimitrow (ATP 5), der auf eine miserable Sandplatzsaison 2017 (200 Punkte, vier Prozent) zurückblickt und praktisch nur dazugewinnen kann. Ebenfalls gute Aussichten bieten sich David Goffin (ATP 10/24 Prozent), Diego Schwartzman (ATP 15/18 Prozent) oder Hyeon Chung (ATP 19/17 Prozent).

Der größte Profiteur könnte allerdings jemand sein, der gerade urlaubt: Roger Federer. Der Schweizer verzichtet wie in der Vorsaison auf den kompletten Sandplatz-Swing, kehrt erst in Stuttgart auf Rasen zurück auf die Tour. Bei einem einzigen Ausrutscher Nadals würde Federer kampflos die Spitzenposition in der Weltrangliste übernehmen. Der Vorsprung des Spaniers beträgt nur 100 Punkte. ?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2018)