Bei aller Freude über die Bronzemedaille in der Damenabfahrt sollte man einen Umstand nicht vergessen: Es gab fünf schwere Stürze. Die Abfahrt hätte auf dieser Strecke niemals stattfinden dürfen.
Während Lindsey Vonn, Julia Mancuso und Elisabeth Görgl im Ziel glücklich ihre Medaillen feierten, machte sich eine Pistenraupe auf den Weg den Zielhang hinauf. Dort wurde schnell der Sprung abgetragen. Fast hat man das Gefühl, um die Spuren zu verwischen. Denn an dieser Stelle stürzten die Schweizerin Dominique Gisin und die Schwedin Anja Pärson schwer. Pärsons Sturz weckte Erinnerung an den Abflug Hermann Maiers in Nagano.
Dass dieser Sprung mehr als anspruchsvoll ist, erkannten viele Betreuer und Athletinnen schon im Training. Wohl gemerkt: im einzigen Trainingslauf auf dieser schwierigen Strecke. Das Erschütterndste an diesem olympischen Abfahrtslauf ist wohl, dass fünf Tage nach der tödlichen Tragödie im Eiskanal von Whistler die Verantwortlichen den Unterschied zwischen anspruchsvoll und lebensgefährlich noch immer nicht kapiert haben.
Was wollte man mit dieser Abfahrt beweisen? Dass die Weltklasse im Damen-Skizirkus sehr dünn gesät ist? Dass die einzige Gefahr auf den Weltcup-Autobahnen darin besteht, dass Topläuferinnen wie Vonn oder Riesch auf der Piste vor Langeweile einschlafen? Wenn man das damit aufzeigen wollte, dann ist dies auf sehr verantwortungslose Weise gelungen.
Man muss nicht Hals- und Beinbruch riskieren, um den Sport attraktiver zu machen. Man muss nicht Stürze wie jenen der Rumänin Edith Miklos, die am Mittwoch einen Kreuzbandriss erlitt, provozieren, um die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben. Wer tatsächlich meint, derartige Bilder hätten etwas in Sportübertragungen zu suchen, der sollte am besten selbst auf dem schnellsten Weg ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2010)