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Warum Österreichs „Zivilgesellschaft“ die Verbrechen des Schüssel-Regimes mehr echauffieren als gehenkte Dissidenten im Iran.

Einer Innsbrucker Universitätsprofessorin verdankt die Welt nun endlich Aufklärung darüber, was wirklich zu dem Erdbeben in Haiti mit 160.000 Toten geführt hat. „In einem Militärforschungszentrum in Alaska wurden (...) Earthquake Machines hergestellt, die künstliche Erdbeben hervorrufen. Sie werden benutzt, um Erdölreserven aufzuspüren. Zwischen Haiti und Kuba soll es große Ölreserven geben, also könnte das Erdbeben in Haiti maschinell erzeugt worden sein, um die militärische Besetzung des Landes durch US-Truppen zu ermöglichen“, erklärte jüngst Claudia von Werlhof, die an der Uni Innsbruck Frauenforschung „lehrt“. Alles klar: Der Ami ist an dem Erdbeben schuld, warum nur ist uns das nicht früher eingefallen?

Angesichts des Todesmutes, mit dem Frau von Werlhof die Barbarei des US-Imperialismus entlarvt, erstaunt freilich jenes dröhnende Schweigen, das nicht nur der Innsbrucker „Ökofeministin“, sondern dem ganzen hiesigen Justemilieu angesichts der jüngsten Vorgänge im Iran einfällt. Da werden zwei Dissidenten gehängt, Hunderte schwer gefoltert und junge Frauen von den Motorradschlägern auf offener Straße misshandelt – und von den üblichen Verdächtigen der sogenannten Zivilgesellschaft ist kein Ton zu hören.

Wahrscheinlich müsste der iranische Präsident Ahmadinejad in seinen Schriften über die gebotene Zerstörung Israels einmal auf das gendergerechte Binnen-I vergessen, um sich den ernsthaften Unmut der österreichischen Zivilgesellschaft zuzuziehen. Man muss das aber auch irgendwie verstehen: Wenn in Teheran Dissidenten ausgerechnet rund um den zehnten Jahrestag der Errichtung der neofaschistischen Diktatur in Österreich durch Wolfgang Schüssel gehenkt werden, dann muss die Zivilgesellschaft Prioritäten setzen – das Gedenken an die unsäglichen Verbrechen des Schüssel-Regimes ist einfach wichtiger als letztlich doch begreiflicher milieubedingter Übereifer der Strafrechtspflege im Iran. Denn da der Iran ja bekanntlich dem US-Imperialismus und seinen israelischen Speichelleckern Widerstand entgegensetzt, kann man die gehenkten Dissidenten letztlich als eine Art Kollateralschaden im Kampf gegen den menschenverachtenden Neoliberalismus verstehen. Jene österreichische Zivilgesellschaft, die sonst bei jeder lichterkettentauglichen Gelegenheit mehr „soziale Wärme“ einfordert, hat daher unter der bewährten Führung der Veteranen im Kampf gegen das Schüssel-Regime eine klare Botschaft an all jene Menschen, die in iranischen Gefängnissen auf ihre Hinrichtung warten oder sich in Israel um den angekündigten nuklearen Holocaust 2.0 sorgen: die Botschaft nämlich, dass dieser Zivilgesellschaft nichts gleichgültiger ist als deren Schicksal.

Christian Ortner ist Journalist in Wien.

christian-ortner@chello.at

www.ortneronline.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2010)