„The 15:17 to Paris“: Clint Eastwoods bizarres Terrordrama

Alek Skarlatos und Anthony Sadler stoppten 2015 mit Spencer Stone einen Attentäter in einem Zug, Clint Eastwood ließ sie das Geschehen nachstellen.
Alek Skarlatos und Anthony Sadler stoppten 2015 mit Spencer Stone einen Attentäter in einem Zug, Clint Eastwood ließ sie das Geschehen nachstellen.(c) Keith Bernstein

KritikDer 87-jährige Kinostar Clint Eastwood hat das vereitelte Attentat von 2015 auf einen Zug nach Paris verfilmt: In „The 15:17 to Paris“ spielen die Vereitler des Anschlags sich selbst. Das waghalsige Experiment fasziniert vor allem als Kuriosität.

Wenn Hollywood wahre Heldengeschichten anpackt, greift es kurz vor dem Abspann gern zu „Beweismaterial“: Aufnahmen der Vorbildheroen, die der Filmfiktion Authentizität verleihen sollen, eine Art dokumentarisches Gütesiegel. In seiner jüngsten Regiearbeit geht Clint Eastwood, seit Jahren auf „True Stories“ abonniert, einen Schritt weiter: Die Stars der Heldentat, die „The 15:17 to Paris“ inspiriert hat, spielen sich darin selbst.

Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen im Rahmen einer Spielfilmhandlung nachstellen – das kommt im Kino gar nicht so selten vor, wie man meinen könnte. Ein jüngeres Beispiel ist Danis Tanovićs „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ (2013), in dem eine bosnische Roma-Familie ihr tragisches Schicksal neu für die Kamera ausagiert (unlängst gab es einen kleinen Skandal, als bekannt wurde, dass dessen Hauptdarsteller und Berlinale-Schauspielpreisträger Nazif Muji verarmt verstorben ist). Doch im Hollywood-Kontext stellt diese Strategie nach wie vor eine Seltenheit dar – insbesondere, wenn es um sensationelle Medienereignisse geht. Etwa um den Anschlag, der am 21. August 2015 auf einen durchs belgisch-französische Grenzgebiet brausenden Hochgeschwindigkeitszug versucht wurde.

 

Kinderdarsteller zum Fremdschämen

An Bord waren damals auch die Amerikaner Spencer Stone, Alek Skarlatos und Anthony Sadler: drei Freunde aus Jugendtagen auf Europa-Tour, die im entscheidenden Augenblick eine Chance witterten, dem Attentäter das Handwerk zu legen – und so mit Unterstützung anderer Passagiere das Schlimmste verhindern konnten. Zunächst wollte Eastwood die Geschichte traditionell verfilmen, mit unbekannten Schauspielgesichtern in den Hauptrollen. Doch als er dem Trio begegnete, war er so sehr von ihrer natürlichen Ausstrahlung angetan, dass er sie kurzerhand darum bat, in ihre eigenen Fußstapfen zu treten. Der 87-Jährige gilt als einer der letzten Klassizisten des US-Kinobetriebs, doch er ist auch immer noch ein echter „Maverick“; kaum vorstellbar, dass sich jüngere Kollegen auf das Wagnis eingelassen hätten (oder ein Studio es ihnen erlaubt hätte).

Wirklich aufgegangen ist das Experiment allerdings nicht. „The 15:17 to Paris“ fasziniert als Kuriosität, zählt aber zu den schludrigsten Arbeiten des Regisseurs, was nicht nur am Schauspiel liegt – auch Dramaturgie und Motivarbeit, sonst die größten Stärken Eastwoods, lassen hier zu wünschen übrig. Die schmerzhaftesten mimischen Darbietungen finden sich ironischerweise im ersten Teil des Films, der den Ursprung der Heldentroika skizziert, mit Kinderdarstellern zum Fremdschämen und forcierten Seitenhieben gegen institutionelle Bevormundung („Mein Gott ist größer als ihre Statistiken!“, ruft eine Mutter der Lehrerin entgegen, die ihr Erziehungstipps gibt). Später, als der Freundeskreis beginnt, Träumen von einer Militärkarriere nachzujagen, nimmt das Drama kurz an Fahrt auf. Dass die Leinwandpräsenz der Laien eingeschränkt ist, passt dabei zur Thematik: Der Männerbund besteht aus Underdogs, die schon zu Schulzeiten Außenseiter waren und sich auch als Erwachsene schwertun, anerkannt zu werden. Stone will zu einer Air-Force-Spezialeinheit und legt sich dafür voll ins Zeug, wird aber aufgrund einer Sehschwäche abgelehnt; Skarlatos fühlt sich als Marinesoldat im Nahen Osten als bloßer Parkwächter.

 

Was macht einen zum Helden?

Eine Europa-Reise soll Trost spenden. Hier verwandelt sich der Film in ein bizarres, endlos vor sich hin mäanderndes Heimvideo, das die drei beim Lustwandeln durch Italien und Deutschland zeigt. Wer das durchsteht, wird mit dem effektvollen, angespannt-ruppigen Reenactment der Attentatsvereitelung belohnt (bei dem sich übrigens sogar jener Passagier selbst spielt, der angeschossen wurde). Der Sinn des Gewaltspektakels scheint jedoch weit weniger zweischneidig als bei Eastwood üblich. Allgemein geht es um Mut und Zivilcourage, die jeden zum Helden machen können. Aber ebenso um Schicksal, um nicht zu sagen um eine Variation der „Manifest Destiny“-These aus dem 19. Jahrhundert: Amerikaner erobern hier zwar kein Neuland, aber sie retten Europäer wieder einmal (der Film verweist in einer Szene bewusst auf den Zweiten Weltkrieg) vor einer Bedrohung, mit der sie selbst nicht fertig werden können; vor der titelgebenden Zugfahrt spricht Stone immer wieder von seinem Gefühl, von einer Art Vorsehung gelenkt zu werden.

Am Ende montiert Eastwood dann TV-Clips, in denen François Hollande dem Trio dankt, mit seinen eigenen Filmszenen zusammen – ein Versuch, Mythos und historische Wirklichkeit vollständig ineinander aufzulösen. In seinem großartigen Iwojima-Film „Flags of Our Fathers“ kritisierte er solche Inszenierungen noch als streitbare Populismusgesten. „The 15:17 to Paris“ ist von diesen nicht mehr allzu weit entfernt.