Anfang, Ende und alles dazwischen

(c) Marin Goleminov

Timing. Warum die Konjunktur über den Berufsstart entscheidet, ein leichter Halbzeitrückstand beflügelnd wirkt und wir mit 39 Jahren Dinge tun, die uns mit 38 Jahren nicht eingefallen wären.

Die Wissenschaftler der Yale-Universität staunten nicht schlecht. Sie entdeckten, dass die Karrieren mancher Absolventenjahrgänge steil nach oben schossen, während andere dümpelten. Können ganze Jahrgänge weniger talentiert sein als andere?

Es lag am Timing. Wer seine Laufbahn in einem Rezessionsjahr startete, verdiente noch zwanzig Jahre später weniger als jene, die bei guter Konjunktur einstiegen. Mit Können hatte das nichts zu tun: Der Wirtschaftslage gehorchend, musste er sich mit einem schlechter bezahlten Einstiegsjob zufriedengeben, in Firmen mit weniger klingenden Namen und kürzerer Karriereleiter. Selbst wenn er bei nächster Gelegenheit wechselte, lag er gegenüber den Konjunkturglückskindern schon uneinholbar im Nachteil.

Daniel H. Pink
„When – der richtige Zeitpunkt“
Ecowin-Verlag
285 Seiten
24 Euro

Es gibt einen Kniff, jeden Anfang mit Energie aufzuladen: indem man ihn auf einen Marker-Tag legt. Das sind Tage, die uns besonders viel bedeuten: Jahresbeginn, Geburtstag, persönliche Erinnerungstage. Sie beflügeln.

Allerdings fällt auch die Entscheidung zu kündigen am häufigsten auf den ersten Jahrestag in einem Job, am zweithäufigsten auf den zweiten Jahrestag usw.

Das Unbehagen in der Mitte

In der Mitte lässt der Schwung nach, im Job wie im Leben. Die großen Weichen sind gestellt, die Spannung flacht ab. Tatsächlich fällt das subjektive Wohlbefinden, das im Alter zwischen 20 und 30 Jahren seinen Höhepunkt hatte, kurz vor dem 50. Geburtstag auf seinen Tiefpunkt. Typisch Midlife-Crisis: Man hat vielleicht nicht alles erreicht, was man sich vorgenommen hat, und findet sich mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert.

Jetzt könnte man sich einen roten Ferrari kaufen. Oder auf Warren Buffetts 25-5-20-Methode hören: 25 Dinge aufschreiben, die man in diesem Leben noch erledigen will. Daraus die wichtigsten fünf aussuchen und sich nur auf sie konzentrieren. Die anderen 20 vergessen. Bis zum nächsten Jahr, wenn man neu sortiert.

Ein leichter Halbzeitrückstand ist allerdings oft ein Motivationsschub. Das ergab die Analyse von 46.000 Basketballspielen: Teams, die zur Halbzeit mit nur einem Punkt im Rückstand lagen, siegten am Ende tendenziell.

Nach dem fatalen 50er steigt die Zufriedenheit übrigens wieder an. Der Grund liegt in der Erwartungshaltung: Wer seinen Frieden damit geschlossen hat, die Welt nicht mehr zu verändern, ist mit dem, was er tatsächlich erreicht, nun durchaus zufrieden.

Ein Ende mit Sinn

Fast die Hälfte aller Marathon-Erstlingsläufer sind „Neun-Ender“, also Menschen im letzten Jahr eines Lebensjahrzehnts, 19, 29, 39 usw. Jahre alt. Der nahende runde Geburtstag lässt sie Dinge tun, die ihnen im Jahr davor nicht eingefallen wären. Kommt ein Ende in Sicht, beschleunigt man. Das wissen ohnehin alle, die immer auf den letzten Drücker arbeiten.

Am Ende jeder Lebensphase wird auch der Freundeskreis einer Prüfung unterzogen. Das mag praktische Gründe haben: Der Berufseinsteiger weiß, dass er nicht mehr so viel Zeit für Partys haben wird, und nimmt nur seine engsten Freunde in sein neues Leben mit.

Menschen im letzten Lebensdrittel sortieren genauso aus. Nicht immer freiwillig, dachte man bisher: Nach der Pensionierung bröckeln die Geschäftskontakte ab, die Kinder sind aus dem Haus, die Weggefährten sterben weg. Doch auch jene, auf die nichts davon zutrifft, misten ihr Adressbuch aus.

Auch hierfür haben die Wissenschaftler eine Erklärung: Man lässt los, was man nicht mehr braucht, setzt einen Schlusspunkt und geht auf die Suche nach dem, was wirklich wichtig ist: nach Einsicht, Verstehen – und Sinn.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2018)