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Fritz Kleiner: Ein Gutachter zum Fürchten

(c) APA (Roland Schlager)
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Die Justiz hat Fritz Kleiner einst als Gutachter bei der Hypo Alpe Adria und bei der Bawag geholt, jetzt soll er die Causa Meinl durchleuchten. Im Hause Meinl ist man darüber ganz und gar nicht erbaut.

Sage noch einer, in der Justiz gehe nichts weiter: In der Causa Meinl haben die zuständigen Staatsanwälte Markus Fussenegger und Volkert Sackmann diese Woche einen Sachverständigen bestellt. Fritz Kleiner soll das Hauptgutachten zur Causa liefern.

Na bitte, geht doch. Seitdem die Ermittlungen in der Angelegenheit gestartet wurden, sind zwar gut zwei Jahre vergangen. Aber die Sache ist auch denkbar vertrackt.

Das liegt daran, dass das Thema „Gutachter“ in der Meinl-Causa historisch ein wenig vorbelastet, daher äußerst sensibel und also höchst kompliziert ist: Ursprünglich, im Herbst 2008, war der junge Wirtschaftstreuhänder Thomas Havranek mit der Aufgabe betraut worden, Licht ins Dunkel zu bringen. Eine „Schnellschussaktion“ der Staatsanwaltschaft, die nach einem Jahr der Untätigkeit ins mediale Kreuzfeuer geraten war. Das Abenteuer Havranek endete in einem Fiasko: Sein „Vorgutachten“, das er im Frühling 2009 aushändigte, strotzte vor Schnitzern – die Meinl Bank behauptet, es hätten sich 85 Fehler auf 25 Seiten gefunden. Blöd nur, dass dieses Gutachten nicht unwesentlich dazu beitrug, dass Julius Meinl V. wegen Fluchtgefahr in Haft genommen und eine Kaution von 100 Millionen Euro hinterlegen musste, um freizukommen.

Anfang Juli 2009 wurde Havranek schließlich vom Gericht abberufen – allerdings nicht aus fachlichen Gründen, sondern wegen Befangenheit: 2007 hatte er einen Meinl-kritischen Kommentar im „Wirtschaftsblatt“ veröffentlicht. Peinlich für die Staatsanwaltschaft: Fast ein Jahr hat sie das Havranek-Intermezzo gekostet. Und teuer ist die Geschichte obendrein. Havraneks Honorar soll sich auf 728.000 Euro belaufen.

Weitere Peinlichkeiten dieser Art verträgt der Fall natürlich nicht. Und daher mussten die Meinl-Staatsanwälte dieses Mal im Justizministerium untertänigst den Segen für den neuen Gutachter einholen.

Das Okay haben sie jetzt – war aber auch nicht anders zu erwarten. In Österreich gibt es nur eine Handvoll Koryphäen auf dem Gebiet des Wirtschaftsgutachtens, etwa Gerhard Altenberger, Martin Geyer, Rudolf Siart oder Thomas Keppert – und eben Fritz Kleiner.

Kein Wunder, dass mit Kleiners Bestellung lautes Aufheulen aus der Meinl Bank zu vernehmen war: Die Person des Sachverständigen wurde dabei zwar tunlichst nicht angeschwärzt. Dafür kritisierte die Bank die Tatsache, dass sie über die Bestellung des Gutachters aus den Medien erfuhr („medialer Aktionismus“). Und überhaupt: Die Bestellung eines neuen Gutachters sei „überhaupt nicht notwendig“, vielmehr sollte das Verfahren eingestellt werden.

Merke: Der neue Meinl-Gutachter ist offenbar zum Fürchten. Dabei ist er bloß Chef einer 35 Jahre alten, „stinknormalen Steuerberaterkanzlei“, wie Kleiner kokett anmerkt. Doch die Grazer Kanzlei hat sich über die Jahre offenbar einen hervorragenden Ruf erarbeitet.

Den ersten aufsehenerregenden Fall bekam Kleiner 1995 nach der Pleite der Grazer BHI-Bank. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Mittlerweile wird kein anderer Wirtschaftssachverständiger im Land dermaßen oft von der Justiz für spektakuläre Fälle herangezogen wie Fritz Kleiner. Er wurde als Gutachter in der Causa Herberstein engagiert, er hat eine Expertise für die Ermittlungen gegen den ehemaligen Sturm-Graz-Präsidenten Hannes Kartnig erstellt, er wurde als Sachverständiger in der Causa Libro engagiert (später allerdings wegen eines „Diktatfehlers“ wieder abberufen).

Bei der Frage, ob es im Zuge misslungener Swap-Geschäfte der Kärntner Hypo zur Bilanzfälschung gekommen ist, wurde Kleiner ebenfalls zu Rate gezogen. Und nicht zu vergessen: Auch im Bawag-Verfahren wurde er von der Justiz als Gutachter eingesetzt.

In Justizkreisen wird die Popularität Kleiners damit begründet, dass er „kein Duckmäuser“ sei. Er bilde sich eine Meinung, trete bei Gerichtsverhandlungen sehr eloquent auf und ziehe sich nicht auf Formulierungen à la „Das könnte so gewesen sein“ zurück. „Fritz Kleiner spricht nicht im Konjunktiv“, sagt ein Staatsanwalt.

Das ist für die Staatsanwälte, die mit komplexen Wirtschaftscausen fraglos einigermaßen überfordert sind, natürlich von unschätzbarem Wert. Womit sich Kleiner allerdings unter Branchenkollegen den Vorwurf einhandelt, „verlängerter Arm der Staatsanwaltschaft“ zu sein. Das wiederum bringt Kleiner auf die Palme: „Wenn ich wüsste, aus welcher Schublade solche Anschuldigungen kommen, dann wüsste ich auch, wie tief sie ist.“ Er habe jedenfalls „niemals von einem Staatsanwalt oder einem Untersuchungsrichter auch nur eine Andeutung darüber bekommen, was der in meinem Gutachten gern lesen würde.“

Unschwer zu erkennen: In der Gutachterbranche hat man sich nicht unbedingt lieb. Hart ist der Konkurrenzkampf um die wirklich großen Aufträge, mit denen ein Gutachter nicht nur im Rampenlicht steht, sondern auch jede Menge Geld verdient. Die Nettostundensätze der Sachverständigen belaufen sich auf 250 bis 300 Euro.

Für seine Bawag-Expertise hat Fritz Kleiner angeblich mehr als 600.000 Euro bekommen. Nicht übel: Für die Erstellung des Gutachtens hat er bloß vier Monate gebraucht – „wir haben in der Zeit im Büro auch quasi übernachtet“, sagt er. Dafür hatte er bei der Gerichtsverhandlung dann auch seinen großen Auftritt: Der Verteidiger von Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner setzte alles daran, Kleiner in die Enge zu treiben – und formulierte 1000 Fragen an den Gutachter. Kleiner: „Mir war klar, dass es vor allem darum ging, mich persönlich auszuhebeln. Meine Strategie lautete daher: cool bleiben.“

Was ihm nicht restlos glückte. Als Elsner lachend das Schauspiel verfolgte, donnerte ihm Kleiner entnervt entgegen: „Wir werden schon sehen, wer zuletzt lacht.“ Von Richterin Claudia Bandion-Ortner wurde Kleiner gerügt – „zu recht“, sagt er. „Ich hab mich dann auch gleich entschuldigt. Das ist mir halt passiert.“ Verschmerzbar. Zumal Kleiner allein für die Beantwortung der ausufernden Fragen rund 94.000 Euro kassiert haben soll.

Peanuts, verglichen mit dem Honorar, das dank Meinl-Auftrag winkt. Kleiner hat für das Gutachten ein Jahr Arbeit veranschlagt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)