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Auf Augenhöhe – was heißt das? Kommunikation, Vorsicht!

Es gibt immer wieder Begriffe, die fast jeder verwendet – ohne sie aber wirklich zu verstehen.

Auf Augenhöhe – was ist das eigentlich? Immer wieder wird es verlangt, um eine ordentliche Konversation in Gang zu bringen. Es geht nicht nur um eine einfache Plauderei, nicht um ein Geschwätz oder um ein Drumherumgerede. „Auf Augenhöhe“, das heißt, das Gespräch ernsthaft zu betreiben, ernst zu nehmen, den Partner oder die Partnerin zu nehmen, wie er oder sie ist: gewichtig und gleichbedeutend.

Es ist nicht leicht, Konversation mit jenen zu treiben, denen man nicht abnimmt, ebenbürtig zu sein. Ebenbürtig: Das heißt gleichbedeutend, das heißt aber auch, dem anderen nicht unterlegen zu sein und schon gar nicht überlegen. Das heißt eben, sich nicht schwächer zu fühlen und auch nicht stärker. Der, mit dem wir in solchen Fällen sprechen, ist in jeder Hinsicht ebenbürtig.

Es hat eine Zeit gegeben, da waren für geistreiche Gespräche gelegentlich Formeln und Schlagworte notwendig, die heute zwar nicht ausgestorben sind, aber nur mehr selten gebraucht werden. Sie zeigten, dass Menschen, von denen sie verwendet wurden, wussten, was sie sagen wollten. Eines von den Wörtern, die man auch als „Schlagworte“ bezeichnen kann, ist Nachhaltigkeit. Noch vor wenigen Jahren ist dieser Begriff nicht üblich gewesen, im Gegenteil: Man hat noch nicht einmal gewusst, was Nachhaltigkeit bedeutet. Heute ist das Wort oft nichts anderes als der Versuch eines Beweises, dass man mit der Zeit geht.

So ist es auch mit der „Augenhöhe“. Früher hat man nicht gewusst, was darunter zu verstehen sei. Heute kann man „auf Augenhöhe“ immer wieder Konversation betreiben, ohne genau zu wissen, was darunter zu verstehen ist. „Die Kommunikation auf Augenhöhe ist die Abbildung von Gleichstellung“, lese ich. Das kann „für die Intelligenz, für Bildung, wie auch für eine finanzielle Ebene gelten“. Freilich könne auch der Blick auf den Marktwert gemeint sein. Andererseits könnte man auch an die intellektuelle Augenhöhe denken. „So muss ich mich also mit meinem Gegenüber umfassend unterhalten, diskutieren und philosophieren können. Gibt es ein Intelligenz- oder Bildungsgefälle, sind häufig Konflikte oder Beziehungsdifferenzen vorprogrammiert.“

Wenn die „Augenhöhe“ nicht stimmt, ist die Konsequenz eine der Respektlosigkeit. Oft glaubt er sich dann auch unterlegen. „Damit entstehen Machtspielchen und verdeckte Kommunikation, und diese schadet der Beziehung und der Gesundheit“.

Die Kommunikation auf Augenhöhe wirkt sich dann auch entsprechend auf den Führungsstil, auf Teams oder auch in Projekten aus. Ebenso starke Auswirkungen hat das in einer Kunden-Lieferantenbeziehung. „Scheint es so, als ob eine Schieflage in der Wertigkeit und der gegenseitigen Wertschätzung entsteht, kann das Geschäft platzen. So kann schließlich ein Projekt scheitern, das Team bricht auseinander oder der Auftrag mit dem Kunden kommt nicht zustande.“

Die Frage, ob der Begriff „auf Augenhöhe“, der jetzt so häufig verwendet wird, all solchen Definitionen standhält, ist kaum jemandem klar, der ihn gebraucht. Die meisten, die ihn verwenden, haben ihn gehört und nehmen an, dass er richtig ist. Dass es auf den Zusammenhang ankommt, ist egal. Hauptsache, es klingt gut. Ob der Zusammenhang passt, sollen die Hörer bestimmen. Aber die meisten verstehen ihn auch nicht.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.

E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2018)