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Österreich gesundgeschrumpft: Land der Regionen, zukunftsreich

(c) Illustration: Lillian Panholzer (Die Presse)
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Österreich gegen den weltweiten Trend: Man wohnt gern am Land. Aber manche Gemeinden verkleinern sich geplant, wie Eisenerz.

WIEN. Eisenerz überaltert – und stirbt aus. Mit einem Durchschnittsalter von 52 Jahren hat die steirische Gemeinde die älteste Bevölkerung Österreichs. Und der Einwohnerschwund ist enorm: Zwischen 2001 und 2008 waren es minus 16 Prozent, nur noch 5500 Einwohner gibt es heute. Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Bergbaustadt zwischen den Eisenerzer Alpen und dem Hochschwab 18.500 Einwohner. In den 60er-Jahren gab es 4200 Jobs im Erzabbau, heute sind es 200.

 

Leere Geschäfte, hohe Kosten

Das Ortsbild heute bilden leer stehende Geschäftslokale, geschlossene Gasthäuser und verwaiste Arbeiterwohnblocks. Neben der optischen Tristesse entstehen der Gemeinde dadurch nicht mehr finanzierbare infrastrukturelle Kosten. Denn auch wenn nun bis zu 700 Wohnungen unbewohnt sind und manche Siedlungen zu bis zu 40 Prozent leer stehen, braucht es eine 100-prozentige Versorgungssicherheit mit Wasser, Strom, Kanal.

Doch Eisenerz erfindet sich neu: „Redesign“ heißt das mit öffentlichem Geld finanzierte Schrumpfungsprojekt. Vier Mio. Euro fließen innerhalb von vier Jahren in ein gezieltes Verkleinerungs- und Nachnutzungskonzept der Stadt, die von der Absiedelung schwer gezeichnet ist. Binnen 15 Jahren sollen 500 Wohnungen abgerissen und 700 umfunktioniert werden.

Eisenerz gebe ein gutes Beispiel für „sinnvolle Politik“ ab, sagt Wirtschaftsforscher Gunther Tichy von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Weil der Erzberg an Bedeutung verloren hat, muss Eisenerz zugrunde gehen.“ Bürgermeisterin Christine Holzweber lasse es „vernünftig schrumpfen“.

Auch in Grenzgebieten im Wald- und Mühlviertel sieht Tichy eine solche Tendenz. Wo es nicht möglich ist, Industrie anzusiedeln, weil der Ort schlecht angebunden ist, sei es „sinnlos, noch und noch Geld hineinzustecken“. Die meisten der 2357 Gemeinden in Österreich hätten aber den Vorteil, dass sie nicht weit von größeren funktionierenden Zentren lägen und gute Bus- oder Bahnverbindungen bestünden. „Die Pendeldistanz ist akzeptabel, und viele Österreicher fühlen sich wohler, wenn sie am Land statt in der Stadt wohnen.“ Beispiel: Linz-Umgebung.

 

Städte wachsen langsamer

Österreich entspreche damit nicht dem weltweiten Trend zur Landflucht. „Ein starkes Wachstum der Städte und eine Entleerung des ländlichen Raums sind bei uns nicht zu erwarten“, so Tichy. „Städte wachsen hier zum Teil sogar langsamer als Gemeinden.“ Selbst kleine Gemeinden halten meist ihren Bevölkerungsstand. Zu erklären sei dies mit einer „relativ guten Politik Österreichs für den ländlichen Raum“. EU-Förderungen für strukturschwache Regionen helfen.

8,375 Mio. Einwohner hat Österreich jetzt, 2050 werden es 8,515 Mio. Einwohner sein. Wien wird von den Bundesländern am stärksten wachsen: von derzeit mehr als 1,5 Mio. auf mehr als zwei Mio. Einwohner 2050. Wien wird auch die jüngste Bevölkerung aufweisen, Hauptgrund ist die Zuwanderung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)

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