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Japans Alte schuften bis ins Grab

(c) Illustration: Lillian Panholzer (Die Presse)
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Sein Heil gegen das drohende demografische Desaster sucht Japan in schlecht bezahlter Altersarbeit.

Er kann kaum noch aufrecht gehen, vermeidet jeden überflüssigen Schritt und schlurft am Ende des Tages wie ein Urgroßvater. Das scheint ihm jedoch nicht viel auszumachen, die meiste Zeit sitzt Tadeo Tozawa ohnehin im Auto. Der 74-jährige Japaner ist Taxifahrer und kutschiert seine Kunden durch die stressige Megametropole Tokio. Schon vor dem Ende einer Zwölf-Stunden-Schicht zittern ihm die Hände, und zu Hause schläft der fragile Senior eigentlich nur noch bis zum nächsten Einsatz. „Ich werde wahrscheinlich aus dem Auto in den Sarg steigen“, vermutet er.

Wer in Tokio ein Taxi ruft, trifft sehr oft auf Chauffeure, die das Rentenalter längst überschritten haben. Auffallend viele betagte Menschen arbeiten auch in den 24-Stunden-Läden, in Restaurants oder auf Baustellen. Wie Tadeo Tozawa sind es meist ehemalige Angestellte, die nach dem Erreichen des Pensionsalters aus ihrem Beruf ausscheiden mussten und sich eine andere Erwerbsquelle suchten. Bisher haben Japaner mit 60 das offizielle Pensionsalter erreicht, ab 2013 werden sie es mit 65. Aber den Luxus eines Ruhestands können sich weder das Land noch die meisten seiner Menschen leisten.

In dem fernöstlichen Industriereich tickt die demografische Zeitbombe schneller als in jedem anderen Land. Fast 29 Millionen Japaner sind heute bereits älter als 65 Jahre. Damit beträgt der Anteil dieser Senioren 22,7 Prozent. Schon 2006 überschritt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt den Bevölkerungsgipfel und löste Italien als älteste Nation der Welt ab. 2055 werden schon mehr als 40 Prozent der Japaner über 65 sein.

Japan tut viel für seine Alten, die respektvoll „alter Adel“ genannt werden. Die Senioren haben einen Feiertag, die Hundertjährigen – derzeit sind es stolze 40.000 – werden jedes Jahr speziell geehrt. Die Wirtschaft versucht, ihren Bedürfnissen entgegenzukommen. Besonders die Roboterindustrie tüftelt an Maschinen, die als Pflege- oder Kuschelgesellen praktisch und emotional Sozialhilfe leisten.

 

Politik schaut hilflos zu

Aber Fürsorge und konfuzianischer Respekt vor dem Alter können nicht verdecken, dass das Land in ein demografisches Desaster schlittert und die Politik hilflos zuschaut. Der große Schock kam mit dem „2007-Problem“. Innerhalb kurzer Zeit wären unter normalen Umständen 6,8 Mio. „Babyboomer“, die seit 1947 geboren wurden und das Wirtschaftswunder vollbracht haben, in den Ruhestand gezogen. Das Land zitterte, wie die Sozialsysteme diesen Ansturm verkraften würden. Zuwanderung ist in Japan noch immer ein Schreckgespenst, der Ausländeranteil beträgt ganze 1,6 Prozent.

Aber zum Glück greifen die Oldies zur Selbsthilfe. Nur 20 Prozent der Babyboomer haben sich tatsächlich zur Ruhe gesetzt. Mehr als drei Viertel sind nach wie vor in Vollzeit beschäftigt. Auch in der älteren Generation der über 65-Jährigen arbeiten noch mindestens 35 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen. Fast alle sind aus finanzieller Notwendigkeit berufstätig. Allerdings wurden die meisten „neu angestellt“, mit befristeten und in jedem Fall schlechter bezahlten Verträgen.

Diesen finanziellen Abstieg machen sie wohl oder übel mit. Das Gefühl gebraucht zu werden, weil es zu wenig Junge gibt, spielt da wohl eine Rolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)