Bildhauer Bruno Gironcoli 73-jährig gestorben

Bruno Gironcoli
Bruno Gironcoli(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Der österreichische Bildhauer war für sein komplexes, irritierendes Werk bekannt. Er leitete bis 2004 die Meisterschule für Bildhauerei der Akademie der bildenden Künste in Wien.

Bruno Gironcoli 2003 im Bildhaueratelier der Bildenden Künste in Wien
Bruno Gironcoli 2003 im Bildhaueratelier der Bildenden Künste in Wien(c) APA

Es war eine unheimliche Symbiose – Bruno Gironcoli in seinem Wiener Akademieatelier. Gerhard Roth beschrieb ihn in dieser Existenz inmitten eines wuchernden, an alle Wände, Decke und Boden stoßenden Skulpturendschungels als „mythologische Figur“. Als sanften Minotaurus in einem fantastischen Labyrinth könnte man ihn genauer benennen. Einmal den Faden seiner utopistisch-archetypischen Symbolik aufgenommen, den silbernen Babys und Enzianen, den goldenen Trauben und Trichtern gefolgt, schon war man gefangen im Wust persönlicher Interpretationen.

Die persönliche Begegnung mit diesem gar nicht so alten Meister aber war keine einfache. Eine seiner Kunst, der Verarbeitung von Polyester, geschuldete Krankheit hatte ihn körperlich aufs Gemeinste entstellt. Seine Schaffenskraft blieb trotz allem ungebrochen. Am Freitag starb Bruno Gironcoli mit erst 73 Jahren in Wien. Er war eine herausragende österreichische Künstlerfigur, einzigartig in seinem Werk und seiner fast 30-jährigen Lehrtätigkeit.

Nachfolger Wotrubas. 1977 übernahm der Villacher mit gut 40 Jahren die Bildhauerklasse von Fritz Wotruba an der Akademie der bildenden Künste. Das Atelier in der Böcklinstraße wurde zum „Gewächshaus“ – so sein Schüler Franz West – für mehrere Generationen. Gewächshaus war es auch für Gironcolis eigene monumentale Objekte aus Kunststoff, Holz, Eisen und Alu – ein Dickicht nicht voneinander trennbarer Einzelwerke, das erst 2004, bei seiner Emeritierung, gerodet werden musste.

Heute stehen die organisch wirkenden, tonnenschweren Aufbauten im eigenen Museum auf Schloss Herberstein und im „Gironcoli-Kristall“ im Strabag-Kunstforum Donauplatte. Entziffern? Kann sie trotzdem niemand restlos – sie leben von der ausgefeilten Privatmythologie des Bildhauers, dem heute so zeitgemäßen Merkmal einer österreichischen Künstlergeneration, zu der auch Hermann Nitsch oder Walter Pichler zählen.

Gironcoli allerdings ist dem anscheinend österreichspezifischen Pathos, dem Hang zum Kultischen, am ironischsten begegnet. Seine üppig, fast möchte man sagen barock verzierten Objekte strotzen von alltäglichen Dingen, hier ein Teller, dort ein Suppenschöpfer, da eine Spirale, die verdächtig an eine aufgewickelte Dose erinnert.



Das Design von Konsumprodukten war eine seiner Inspirationsquellen, ähnlich Duchamp wollte er das „Alltäglichste miteinbeziehen“. Schon bei seiner frühen Suche nach dem Menschenbild fand er es eher in einer Pril-Flasche oder in Geschirrabteilungen als im „hehren Akademiebereich“, wie er es ausdrückte. In diesem hatte er zwar in Wien Malerei studiert nach einer Goldschmiedelehre in Innsbruck – ihr schaler Nachgeschmack findet sich in den späteren „billigen“ Gold- und Silberanstrichen. Geprägt hat ihn aber ein Jahr in Paris, wo er dem Werk Giacomettis begegnete. Ähnlich ihm wollte er mit „ganz persönlichen Mitteln“ arbeiten.
Erst hat er gezeichnet. Dann machte er reduzierte Köpfe aus Draht, Pappendeckel, die er bemalte. Es folgten „Gebilde“ aus Holz, Nylon, Eisen, Alu, Glaspech. Mitte der 60er entstanden erste Polyesterobjekte. 1968 stellte Gironcoli erstmals in Wien aus, in der Galerie nächst St. Stephan. Msgr. Otto Mauer wurde einer seiner ersten Förderer.

Grausame Riesenspielzeuge. Ende der 1960er begann die große Verschlüsselung – raumfüllende Objektarrangements und Installationen, die sich dann zu den bekannten, assemblageartigen Großobjekten verdichteten – „Riesenspielzeuge“ nannte Werner Hofmann sie. Was ihre Grausamkeit, ihre Kälte nicht berücksichtigt. Abtreibung, Gewalt, Folter, Sexualität spielen eine ebenso große Rolle wie das Strapazieren von „kitschigen“ Motiven – eine Marienstatue wird von zwei Kloschüsseln flankiert, Edelweiß rankt sich über den Thron eines Außerirdischen. Kitsch war für ihn das formalisierte Glück eines Kollektivs, das er durch das Zitat „berühren“ wollte.

Nicht nur in diesem Ansatz – denkt man an Jeff Koons – war Gironcoli seiner Zeit voraus. Zu Recht sah er sich in Wien als verkannt. Sein später internationaler Durchbruch war mit der Biennale Venedig 2003 geplant, als der deutsche Ur-Kurator Kaspar König ihn als österreichischen Vertreter auswählte. Der große Ruhm war ihm einfach nicht vergönnt. Der kleine Ruhm, über seine vielen erfolgreichen Schüler, Franz West, Ugo Rondinone, Hans Schabus, etc. in die Welt getragen, zählt in der Geschichte nicht weniger.

Stand der ebenfalls gerade verstorbene Alfred Hrdlicka für ein Ende in der österreichischen Bildhauerei, markierte Bruno Gironcoli einen Anfang. Dafür sei ihm Dank.

(Die Presse, Printausgabe, 21. 2. 2010)

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