Für immer weht der schwarze Rauch in Krems

Die virtuelle Quelle versiegt nie: „Western Flag (Spindletop, Texas)“, Video von John Gerrard.
Die virtuelle Quelle versiegt nie: „Western Flag (Spindletop, Texas)“, Video von John Gerrard.(C) Donaufestival

In den Neunzigerjahren war es en vogue, Enden zu konstatieren. Heute fürchtet man die „endlose Gegenwart“: Unter diesem Motto steht das heurige Donaufestival. Wie postmodern ist das denn? Oder ist es schon wieder – modern?

Es war eine erwartete, gar ersehnte Eruption: Am 10. Jänner 1901 begann aus einem Bohrloch beim Spindletop Hill (im Südosten von Texas) Erdöl zu sprudeln, ja: zu spritzen. Zwei Monate später war die nahe gelegene Stadt Beaumont eine Boomtown, die Bevölkerung verdreifacht.

Der irische Künstler John Gerrard erinnert an die Zeit, in der am Spindletop Hill das Öl spritzte. In seiner Videoinstallation „Western Flag (Spindletop, Texas)“ simuliert er, dass diese Quelle nie versiegt wäre, sich nie erschöpfen würde, aber nur mehr Schmutz bringe, nicht Saft für Verkehr und Industrie: Unaufhörlich quillt schwarzer Rauch aus den Düsen, in Form einer Flagge.

Gerrard legt eine triviale Interpretation nahe. „Unter den größten Hinterlassenschaften des 20. Jahrhunderts sind nicht nur die Bevölkerungsexplosion und die besseren Lebensbedingungen, sondern auch die erheblich gestiegenen CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre“, schreibt er: „Diese Flagge gibt diesem unsichtbaren Gas, dieser internationalen Gefahr, ein Bild, einen Weg, sich selbst zu repräsentieren.“

 

Der Himmel ist, wo nichts passiert

Thomas Edlinger, Intendant des Donaufestivals, stellt Gerrards Videoinstallation nun in Krems in einen neuen Sinnzusammenhang – als Illustration des heurigen Themas: „Endlose Gegenwart“. Das Jetzt, erklärt Edlinger im Geleitwort, „bläht sich zu einem herrischen Kontinuum unter kapitalistischen Bedingungen auf“: „Nichts endet wirklich, aber auch nichts beginnt neu.“

Wer – wie auch Edlinger – popkulturell in der New-Wave-Ära sozialisiert wurde, hat dazu den großen, so gelassenen wie traurigen Song „Heaven“ der Talking Heads im Kopf. „Heaven is a place where nothing ever happens“, singt David Byrne, und: „When this kiss is over, it will start again, it will not be any different, it will be exactly the same.“

Das war 1979, als die Moderne des Punk allmählich begann, sich in die Postmoderne des Post-Punk zu transformieren, als die Ersten zu ahnen begannen: Der Aufbruch kann nicht dauern, eine (ästhetische) Revolution kann nicht ad libitum verlängert werden. Die Moderne ist eine Epoche wie jede andere, und sie kommt nicht zwangsläufig zurück, wenn die Postmoderne vorbei ist.

Oder doch? „Die Moderne steckt in jeder Epoche, und jede Epoche in der Moderne“, behauptete der deutsche Kunsthistoriker Walter Grasskamp. Wer von Epochen spreche – und das tun die Abendländer seit dem Mittelalter, das sie damals als Zeit zwischen Christi Erlösungstod und Jüngstem Gericht sahen –, denke modern, chronisch modern.

 

„Alles schon gesehen, alles schon erlebt“

Auch bei einem Festival der Avantgarde – und das ist das Donaufestival, auch wenn das Wort an Kraft verloren hat wie die Ölquellen in Texas – fühlt man grundsätzlich modern, denkt an Aufbruch, und es hat etwas Tragikomisches, wenn man von Jahr zu Jahr mehr das Gefühl hat, dass die Aufbrüche so seriell geworden sind wie die Küsse im „Heaven“ der Talking Heads.

Der kluge Edlinger hat genau diese Einsicht heuer zum Programm gemacht. „Der Loop oder die ewige Wiederkehr des Neuen“ ist das Motto einer Diskussion, und im Programmheft beginnt die Beschreibung der Filme von Anna Vasof mit dem Satz: „Alles schon gesehen, alles schon erlebt.“

Natürlich auch die trotzigen Beschwörungen der Gegenwart, des Jetzt, die ja paradoxerweise ganz ähnlich klingen wie dessen Verdammungen. „Das endlose Jetzt“, so wird der schläfrige Folk von Grouper beschrieben, gleich daneben im Programm steht über die (tatsächlich langwierigen) Exerzitien des kanadischen Ensembles „Godspeed You! Black Emperor“: „Musik als Selbststeigerung, als große Verweigerung und als Protest gegen das Jetzt.“

Himmel! Wie schön, dass auch die Verweigerung wieder oder noch immer da ist. „Grimmige Wut“ und „endloses Nein“ wird Justin Broadrick und Kevin Martin bescheinigt, die seit vielen, vielen Jahren in Formationen mit Namen wie Techno Animal, Napalm Death oder Godflesh musizieren, zur Freude verschrobener Herren, die seit den Spätachtzigern am Dogma festhalten, dass es mit Musik so sei wie mit Medizin: Sie müsse bitter schmecken, sonst nütze sie nichts.

Industrial nannte man solche Musik einst gern, und das führt uns zurück zum Spindletop Hill: Dort ging schon 1902 die Ölproduktion zurück, 1936 wurde sie eingestellt. Bis 1975 wurde in der versiegten Ölquelle noch Schwefel gewonnen, heute steht dort nur mehr ein Boomtown-Museum. Dieser Ölrausch ist Geschichte. (Wie die brennenden Ölquellen im Irakkrieg 1991, von denen manche unkten, sie würden Jahrzehnte brennen. Sie waren bald gelöscht.)

Geschichte wie das Ende der Geschichte, das Francis Fukuyama 1992 ausrief, das Ende der Physik (David Lindley, 1994), das Ende der Wissenschaft (John Horgan, 1997) und so weiter und so fort. Man könnte sagen: Die Zeit der Enden ist auch schon vorbei, jetzt droht die Endlosigkeit.

 

Wer erinnert sich an den Wärmetod?

Und dann doch wieder ein Ende: Die „Perpetuierung der Gegenwart“, so Edlinger in seinem Geleitwort zum Festival, sei womöglich schon „die Katastrophe, die uns Kipppunkte der Systemstabilität – etwa im Hinblick auf Finanzmärkte oder Klimaveränderungen – überschreiten lässt“.

Paradox: Heute, im – angeblichen – Stillstand, im Gleichgewicht fürchten wir das plötzliche Kippen, das Ungleichgewicht. In Zeiten, die als bewegter, gerichteter, fortschrittlicher empfunden wurden, fürchteten viele das Gleichgewicht, auch das thermodynamische. Wer erinnert sich noch an den Wärmetod? Die Vision vom Weltende durch perfektes Gleichgewicht, in dem sich nichts mehr regen kann? In den Sechzigerjahren war sie in den Köpfen, auch als Metapher fürs Seelenleben. Vor dem „Wärmetod des Gefühls“ warnte sogar Konrad Lorenz.

So ändern die apokalyptischen Ängste ihre Form, bleiben aber in der Substanz. „Ihre geisterhafte Stimme legt sich über die angezerrten Klänge wie Rezitationen der Verdammnis“, lesen wir im Programmheft über einen weiblichen „Post-Industrial-Act“ (sic!) namens Puce Mary: „Musikalischer Existenzialismus im Endzeit-Gewand.“

Und am Videoschirm weht der schwarze Rauch, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Donaufestival: 27. bis 29. April, 4. bis 6. Mai.