Russi: "Dominanz der Österreicher war eh viel zu lang"

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Skilegende Bernhard Russi über Fischbachers Goldfahrt, die Misere der ÖSV-Abfahrer und zu wenig Hirn im Skizirkus.

Die Presse: Haben Sie mit Andrea Fischbacher gerechnet?

Bernhard Russi: Ja, allerdings als Platzfahrerin, nicht als Olympiasiegerin.

Was hat sie diesmal besser gemacht als Lindsey Vonn?

Russi: Fischbacher war einfach souverän. Aber das konnte sie nur sein, weil sie die perfekte Technik beherrscht. Und weil sie in erster Linie nicht nur Gold gewinnen, sondern das Problem lösen wollte. Sie wollte Chef sein auf dieser Piste und nicht nur mitfahren.

Und Vonn wollte Gold gewinnen und vergaß aufs Problemlösen?

Russi: Sie hat Geschenke verteilt. Sie hat auf dem zweiten Teil der Strecke eine Verteidigungsfahrt gemacht.

Die österreichischen Herren machen auch Verteidigungsfahrten, haben aber nichts zu verteidigen...

Russi: Ich glaube dass der Kampf, ins österreichische Team zu kommen, in der Vergangenheit viel größer war. Da wurden Leute mit Podestplätzen nicht zu Olympia mitgenommen. Nun ist es bei uns in der Schweiz so: Da musste ein Defago sogar in die Qualifikation.


Die österreichischen Abfahrer können doch das Skifahren nicht verlernt haben...

Russi: Aber nein. Die Österreicher besitzen die beste Technik. Aber sie haben Fehler gemacht. Es ist einfach nicht rund gelaufen. Aber die Dominanz der Österreicher war ja ohnehin viel zu lang. Es ist Zeit geworden, dass sich da was ändert.

Droht Österreichs Herren dieselbe Durststrecke wie der Schweiz nach Zurbriggen und Heinzer?

Russi: Bei den Österreichern kommt auch Verletzungspech dazu. Jene, die einen Maier und Eberharter ersetzen hätten sollen, erlitten Rückschläge. Ich spreche da von Grugger und Scheiber. Und wenn die fehlen, ja, dann gibt es halt ein kurzes Loch.

Nach dem Herren-Super-G muss man von einem Krater sprechen...

Russi: Aber nein. Ich mach mir um die Österreicher überhaupt keine Sorgen. Ich sehe ja, was im Europacup alles nachkommt. Die Jungen haben so ein perfektes Rüstzeug, die sind technisch so gut.

Aber was nützt uns Österreichern die beste Technik, wenn wir damit nicht schnell sind?

Russi: Diese Technik ist nun einmal die Basis. Und die Wahrscheinlichkeit dass es dann doch aufgeht, ist groß.

Kann man den Skisport noch mit jenem Ihrer Zeit vergleichen?

Russi: Die Bedeutung von olympischen Medaillen hat sich nicht verändert. Ein vierter Platz war früher auch nichts wert. Aber natürlich hat sich vieles verändert. Die Pisten, die Pistenpräparierung, das Material. Aber am stärksten hat sich der Sportler selbst verändert. Das ist ja kein Vergleich zu früher. Ich war 1972 nicht viel besser beieinander als heute. So, wie ich heute skifahre, hätte ich damals leicht gewonnen. Nein, das ist jetzt ein bisschen übertrieben.

Weil sie heute mehr trainieren?

Russi: Ich war immer ein Vieltrainierer. Ich hatte damals 75 und wiege heute 74,5 Kilo. Aber ich trainiere heute, damit ich fürs Klettern nicht zu schwer werde.

Sind Sie schon die Eigernordwand geklettert?

Russi: Ja, aber nicht die klassische Route, ich wollte nicht die Steine auf den Kopf bekommen. Ich kletterte auf der rechten Seite. Da braucht man 18 Stunden rauf.

Wann sind Sie zuletzt die Lauberhornabfahrt gefahren?

Russi: 2003 bin ich sie mit der Kamera gefahren und brauchte 3:06 Minuten. Ich war schneller als bei meiner ersten Lauberhornabfahrt als Rennfahrer. Damals hat Karl Schranz gewonnen und ich brauchte 3:09 Minuten. Ich weiß aber nicht mehr meine Platzierung. Vierzigster oder so.


Bei der Damenabfahrt gab es viele schwere Stürze. War sie zu schwer?

Russi: Nein. Das Problem war nicht die Piste, sondern es waren die Rahmenbedingungen. Es gab nur ein Training und keine durchgehende Fahrt. Durch das Frühlingswetter wurde die Piste nicht nur schneller, sondern es entstanden auch Wellen.


Die Damen waren der Piste körperlich nicht gewachsen?

Russi:Ja, ich hatte das Gefühl, dass viele überfordert waren. Aber wenn ich sehe, wie eine Zettel in der Kombi-Abfahrt perfekt den Hang runterfährt mit nur einer Trainingsfahrt, dann war die Piste nicht zu schwer. Man muss den Damen halt viel öfter derartige Strecken abverlangen, dann werden sie sich sehr schnell an diese Verhältnisse anpassen.


Aber die Stürze von Pärson und Gisin waren schon ziemlich brutal.

Russi: Wenn Pärson oder Gisin auf irgendeiner anderen Strecke – egal, ob schwer oder leicht – die gleichen Fehler machen, dann gibt es dieselben schlimmen Stürze.

Heute gehen Stürze meist glimpflich aus. Wie war es mit den Sicherheitsvorkehrungen zu Ihrer Zeit?

Russi: Ich hab mir damals bei der Besichtigung angesehen, wo ich auf keinen Fall rausfliegen darf. Aber mittlerweile hat es eine Entwicklung genommen, die gefährlich ist. Denn heute muss sich ein Rennfahrer über seine Sicherheit keine Gedanken mehr machen.

Zäune statt Eigenverantwortung ...

Russi: ... aber diese Eigenverantwortung gehört wieder mehr gefördert. Etwa indem man Passagen lässt, die nicht voll gehen. Ich bin ja dagegen, dass man Sprünge abgräbt. Da bin ich ein Hardliner. Die Läufer müssen selbst erkennen, wie schnell sie fahren dürfen.

Weniger Vollgas, mehr Hirn?

Russi: Ja. Es gibt auch heute noch Strecken, die nicht mit Vollgas gehen. Janka hat die Lauberhornabfahrt gewonnen, weil er wusste, dass das Ziel-S nicht voll geht. Je mehr solche Stellen es in einem Rennen gibt, umso besser ist es für die Sicherheit.

Sie arbeiten fürs Schweizer Fernsehen, haben eine Zeitungskolumne: Was sagen die Schweizer Medien zu den österreichischen Skispringern und dem Bindungsstreit?

Russi: Ich hab ja einen Joker, oder?

Ja.

Russi: Dann nehm ich den jetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2010)

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