Der Konsum floriert, doch Experten warnen: Das Schlimmste kommt erst. Mit etwa einem Prozent wird das erwartete Wachstum in Großbritannien im heurigen Jahr sehr schwach ausfallen.
London.Burberry ist nicht gerade als Billigmarke bekannt. Doch während Großbritannien im vergangenen Jahr mit minus 4,7 Prozent die schwerste Rezession seit den 1930er-Jahren erlitt, meldete der Nobelausstatter in den letzten drei Monaten des Jahres ein Umsatzplus von satten zwölf Prozent. „Wir hatten ein brillantes Quartal“, sagt Finanzchefin Stacey Cartwright. Und Burberry ist nicht allein: Gerade die Geschäfte am oberen Ende der Preisskala melden das beste Weihnachtsgeschäft seit Jahren.
Was ist hier passiert? Katastrophale volkswirtschaftliche Daten und dennoch ungebrochene Konsumfreude – wie kann das sein? Die Wahrheit, so meinen Experten, könnte darin liegen, dass viele Briten das Ausmaß der Krise bisher nicht voll zu spüren bekommen haben. Die Arbeitslosigkeit ist weniger als befürchtet gestiegen. Massive Staatseingriffe haben die Banken vor dem Zusammenbruch bewahrt, der Leitzinssatz liegt mit 0,5 Prozent auf einem historischen Tiefststand, und die Preissteigerung blieb 2009 unter einem Prozent. „Trotz der Rezession hat in Wahrheit das reale verfügbare Haushaltseinkommen im Vorjahr um vier Prozent zugenommen“, sagt der Ökonom Andrew Goodwin vom Ernst&Young Item Club im Gespräch mit der „Presse“.
Schulden begleichen
Viele nutzten das, um Schulden zurückzuzahlen: Die Sparquote stieg im dritten Quartal 2009 auf 8,6 Prozent. Im ersten Quartal 2008 war sie bei 1,1 Prozent gelegen. Was blieb, ging in den Konsum. Aber auch hier täuschen die Zahlen: 2009 fiel der Privatkonsum um 3,5 Prozent. Das war zwar weit geringer als die Wirtschaftsleistung (minus 4,7 Prozent). Aber ein Minus war es allemal: „Sicherlich sind wir von einem viel höheren Niveau in diese Rezession gegangen als in früheren Krisen. Wir sehen schon, dass in Bereichen, die als nicht unbedingt notwendig angesehen werden, mehr gespart wird“, sagt Graham Turner von GFC Economics.
Constantin Gurdgiev, Finanzwissenschaftler am Trinity College in Dublin, meint sogar, dass man zwischen einer „alten“ und „neuen“ Rezession unterscheiden könne. „Selbst in Irland, wo wir 15 Prozent BIP-Minus haben, geht gerade der teure Konsum weiter. Der Unterschied ist, dass wir heute in einer Situation sind, in der wir es uns leisten können, länger keine besonderen Einkäufe zu machen, und dann entscheiden wir uns gleich für das teure Produkt.“ Ohne ein derartiges Konsumverhalten wäre die Verschrottungsprämie wohl folgenlos verpufft.
Doch ohne rasche Erholung der Wirtschaft, da sind sich alle einig, „steht uns das Schlimmste erst bevor“, wie Turner sagt. Vicky Redwood von Capital Economics meint: „Eine Neuauflage dieses Konsumverhaltens werden wir 2010 nicht erleben.“ Mit etwa einem Prozent wird das erwartete Wachstum in Großbritannien im heurigen Jahr „äußerst schwach ausfallen, wenn man die Schärfe der Rezession bedenkt“, so Redwood.
Sparen ist unausweichlich
Der Konsum wird die Wirtschaft nicht aus der Krise führen können, denn die katastrophale Budgetlage wird jede Regierung zu massiven Einschnitten zwingen. „Das ist unausweichlich“, warnt Goodwin. „Entscheidend wird aber der Zeitpunkt sein.“ Allein die Neuverschuldung wird im Budgetjahr 2009/10 178 Mrd. Pfund, mehr als zwölf Prozent des BIP, betragen. „Wir plädieren dafür, dass es mehr Einsparungen als Steuererhöhungen gibt“, meint Lai Wha Co, Ökonomin der britischen Industriellenvereinigung CBI, mit leicht resigniertem Unterton. Denn es ist klar, dass beides die Kaufkraft der Bürger schmerzlich treffen wird. Zu Jahresbeginn stieg bereits die Mehrwertsteuer auf den alten Tarif von 17,5 Prozent, weitere Erhöhungen werden erwartet.
Zudem erhebt dieser Tage die Inflation ihr hässliches Haupt. Steigt sie über drei Prozent, muss die Bank of England an der Zinsschraube drehen. Dann werden Kreditrückzahlungen teurer, die Zahl der Ausfälle wird anwachsen, mit Druck für den Immobilienmarkt und den Finanzsektor. So warnt auch Goodwin: „Wir sind erst am Anfang eines langen und schmerzhaften Prozesses. Bisher fühlt es sich nur noch nicht so schlecht an, wie es in Wirklichkeit ist.“
auf einen blick
■In Großbritannien ist das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr um 4,7 Prozent eingebrochen. Trotzdem scheinen die Briten das Ausmaß der Krise nicht vollends realisiert zu haben, vor allem bei Luxusgütern gibt es Zuwächse im Handel. Trotz Rezession ist nämlich das verfügbare Haushaltseinkommen im Vorjahr gestiegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2010)