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Stadtplan: Utopisches zum Grant

Was wäre, wenn eine Fee kommt und vom Wohlstand erzählt?

Versetzen wir uns in zwei Personen. Die eine: Sie lebte irgendwann in einem der vergangenen Jahrhunderte. Die andere: Sie lebt heute in einem Township in Afrika, in Asien oder Südamerika. Zu beiden kommt eine Fee und erzählt von einer Gesellschaft, in der für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Folgendes selbstverständlich ist: Wenn man hungrig ist, geht man in ein Geschäft in der Nähe und kauft sich einfach etwas zu essen. In der Wohnung gibt es fließendes heißes und kaltes Wasser in Trinkwasserqualität.

Ist es draußen kalt, schaltet man ein Gerät ein, und in der gesamten Wohnung wird es warm. Eine Toilette lässt geruchlos und hygienisch die Fäkalien verschwinden. Wird man krank, zückt man, ungeachtet seines Einkommens, eine kleine bedruckte Karte und bekommt weitgehend kostenfrei medizinische Betreuung.

Schulbildung ist ebenso gratis für alle; für jene, die weiter entfernt sind, bezahlt der Staat den Transport. Zur Arbeit, zu Freunden und Verwandten kommt man relativ einfach. Erschwingliche öffentliche Verkehrsmittel ermöglichen es. Auf den Straßen liegt kein stinkender Müll, er wird professionell weggeräumt.

An die 90 Prozent aller Menschen, die arbeiten wollen, finden eine bezahlte Tätigkeit. Für jene, die arbeitslos sind, gibt es eine Reihe von Fortbildungsmaßnahmen, und ebenso Zahlungen, um sie in der Zwischenzeit zu unterstützen. Wird man alt, ist Einkommen, wenn auch manchmal bescheiden, für beinahe alle eine weitere Selbstverständlichkeit. Jeder darf seine Meinung frei äußern, sie auch publizieren, und wenn er sich befähigt fühlt, sich als Politiker einer weitgehend fairen Wahl stellen.

Wie würde unser fiktiver Bewohner eines Townships, dem nahezu alles fehlt, was hier beschrieben wurde, bzw. jener, sagen wir, im 17. Jahrhundert Lebende auf diese Erzählung reagieren? Ungläubiges Staunen über nahezu paradiesische Zustände. Ersterer riskiert deswegen oft auch alles, sogar sein Leben, um in dieses wundersame Land zu kommen.

Jetzt kommt das Unglaublichste an dieser Geschichte. Denn die Fee fragt noch etwas: „Wie viel wird in dieser Gesellschaft gelacht, wie zufrieden und fröhlich sind diese Menschen? Auch wenn ihr mir das nicht glauben werdet: Sie haben große Angst, und wenn ihr ihnen auf der Straße begegnet, lachen sie ganz selten.“

Letztlich: Warum reagieren so viele aggressiv, wenn ich ihnen dies erzähle?

www.chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2010)