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Lilienporzellan: Mahlzeit in Pastell, denn Daisy deckt die Tafel

Keine Geschirr-Serie konnte an den Erfolg von „Daisy“ anknüpfen.
Keine Geschirr-Serie konnte an den Erfolg von „Daisy“ anknüpfen.Christa Stangll
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Die kleine Mostviertler Stadt Wilhelmsburg birgt mit dem Geschirr-Museum wahre Schätze aus Porzellan. Seine berühmteste Kollektion: das pastellfarbene Kultservice „Daisy“ von Lilienporzellan.

Es gibt nur wenige Hunde, an die man sich auch Jahrzehnte nach ihrem Tod noch erinnert. Berühmtes Beispiel sind die Hunde der Peggy Guggenheim, die ihre letzte Ruhestätte im Garten der Peggy Guggenheim Collection in Venedig haben, gleich neben dem Urnengrab ihrer früheren Besitzerin. Ein ähnliches Denkmal wurde der Hündin Daisy gesetzt. Nach ihr wurde eine Geschirrmarke benannt, die in den 1960er- und 70er-Jahren in vielen Haushalten zu finden war. Monica, die Tochter von Conrad H. Lester (ehemals Kurt Heinz Lichtenstern), des Fabrikbesitzers der inzwischen geschlossenen Lilienporzellan-Fabrik in Wilhelmsburg, hatte ihren Vater überredet, den Namen ihres Hundes für die neue Geschirrserie zu wählen.

Pastellfarbiges Tafelgeschirr "Daisy"

Mit „Daisy“, dem pastellfarbigen Tafelgeschirr der Lilienporzellan-Serie, wurde erstmals 1959 ein Tisch gedeckt. Im selben Jahr kommt der Mini auf den Markt, bei der New Yorker Spielwarenmesse wird die erste Barbie-Puppe präsentiert, und das Guggenheim Museum in New York öffnet seine Pforten. Der Marke „Daisy“ verdankt das Lilienporzellan seine größten Erfolge. Conrad H. Lester ließ sich durch seine Zeit in Los Angeles inspirieren – helle, freundliche Farben mussten es sein. Sie entsprachen der Aufbruchsstimmung der Zeit. Pastelltöne, Porzellan und Design waren die drei Vorgaben. Anfangs gab es das Kultgeschirr einfärbig, in pastelligem Blau, Gelb oder Rosa. Doch es entstanden immer wieder Probleme bei Nachbestellungen. Das Blau war nicht mehr das gleiche Blau, das Rosa nicht das gleiche Rosa, und dafür hatten die Kunden gar kein Verständnis.

Daraufhin zog Lester einen Keramikexperten zurate, dem es zwar nicht gelang, eine technische Lösung zu finden, die exakte Farbgleichheit hergestellt hätte, der aber eine simple Idee hatte: Jede Schachtel enthielt fortan Geschirr in sechs unterschiedlichen Pastellfarben. Ging ein Stück kaputt, konnte man es einfach nachkaufen – und da jede Farbe im Set nur einmal vorkam, gab es keine Reklamationen mehr. Dieses bunte Service wurde als „Daisy Melange“ verkauft, seine Erfolgsgeschichte reichte bis in die späten 1980er. Im Jahr 1991 lief die Produktion endgültig aus, 1997 wurde die Wilhelmsburger Geschirrproduktion geschlossen.

Im Geschirr-Museum Wilhelmsburg

Manfred Schönleitner, der Gründer des Geschirr-Museums, kennt den Standort schon lang, war er doch als selbstständiger Schlosser für die Fabrik tätig. Nach dem Ende der Produktion erwarb er die Winklmühle, den ältesten Teil, und eröffnete 2007 das Museum. Er ergänzte seine eigene Sammlung durch den Ankauf von zwei weiteren Sammlungen von Lilienporzellan und Steingut. „Daisy“ ist hier allgegenwärtig. Besonders anschaulich wird die Bedeutung dieser Serie in einer Küche aus den 1960ern, die von einer alten Dame vor ihrer Übersiedlung ins Altersheim dem Museum überlassen wurde. Alles Geschirr, einschließlich der Küchengeräte, präsentiert sich im typischen Pastell.

Ein Kurzfilm vermittelt den Werdegang der Firma, die traditionsreiche Produktionshistorie des Wilhelmsburger Steinguts einerseits und des Lilienporzellans andererseits, sowie die Entstehungsgeschichte von „Daisy Melange“. Man erfährt etwa, dass unterschiedliche Bodenmarken auf dem Geschirr Rückschlüsse auf geänderte Besitzverhältnisse, Änderungen bei der maschinellen Fertigung oder bei der Formgebung zulassen. So kann gut bestimmt werden, wann ein Geschirrstück erzeugt wurde. Ein besonders ins Auge stechendes Design ist das der Serie „Corinna“, das ab Anfang der 1960er in verschiedenen Dekorvarianten produziert wurde. Die dünnwandige Form konnte sich aber ob ihrer Zerbrechlichkeit nicht durchsetzen und wurde bald wieder eingestellt. Es sollten noch „Dolly“, „Dora“ und „Menuett“ folgen. Doch keine dieser Serien konnte an den Erfolg von „Daisy“ anknüpfen.

Abenteuerliche Flucht

Interessant ist die Geschichte des letzten Fabrikeigentümers, Conrad H. Lester, die Sohn Paul erzählt: Der Vater musste ebenso wie seine zwei berühmten Cousins, Bruno Kreisky und der spätere Gurkenfabrikant Herbert Felix, vor den Nationalsozialisten flüchten. Kreisky und Felix fanden Schutz in Schweden, während Lichtenstern – den Namen Lester nahm er später in den USA an – über mehrere Stationen nach Paris ging.

Dort lernte er die Schriftsteller Soma Morgenstern und Joseph Roth kennen und traf auch Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel wieder, die er bereits aus Wien kannte. Als dann die deutsche Armee in Paris einmarschierte, flüchtete er nach Südfrankreich. Von dort ging es mit einem gefälschten Pass über die Pyrenäen nach Spanien, Portugal und weiter nach Nordafrika. 1941 erreichte er Brasilien, von dort fuhr er nach so vielen Umwegen schließlich nach New York. Aber auch hier hielt es ihn nicht lang, wie Paul Lester erzählt: „An diesem Teil der abenteuerlichen Fluchtgeschichte angekommen, sagte der Vater immer: ,In New York habe ich ein Auto gekauft und bin so weit weggefahren wie nur irgendwie möglich. Und das war halt dann Los Angeles.‘“

Währenddessen wurde das Werk in Wilhelmsburg, wie auch die Werke in Gmunden und Znaim, von den Nationalsozialisten enteignet. Nach dem Krieg bekam Lester die niederösterreichische Fabrik wieder zurück. Sohn Paul, der in Kalifornien zur Welt kam, erinnert sich noch an seine Jugend in Wilhelmsburg. Am stärksten eingeprägt haben sich ihm die Feierlichkeiten zur Stadterhebung Anfang Juli 1959. Da saß er als Neunjähriger mit seiner Familie in der ersten Reihe, direkt hinter dem damaligen Bundespräsidenten, Adolf Schärf.

Angesprochen auf die erfolgreiche Geschirrserie „Daisy“, meint Paul Lester: „Der Erfolg der ,Daisy Melange‘ war letzten Endes kontraproduktiv. Nach dieser Serie gelang es meinem Vater nicht, ein Nachfolgeprodukt erfolgreich auf den Markt zu bringen. Obwohl, ,Corinna‘ hätte es sein können, die war oval, futuristisch, ausgezeichnet für die Zeit, wie ich finde, und überlegt dekoriert.“ Vermutlich müssen das Geschirrliebhaber aber noch entdecken, wozu im Museum in Wilhelmsburg eine gute Gelegenheit besteht.

Im Mostviertel

Wilhelmsburger Geschirr-Museum: Kompetenzzentrum für Keramik, 1. 5. bis 26. 10., www.geschirr-museum.at

Gasthof Franzl: Ganz fein sind der Zwiebelrostbraten, die gebackene Blunzn, die Rindsuppe mit Lungenstrudel. www.gasthof-franzl.com

Stift Lilienfeld: Eines der schönsten Denkmäler mittelalterlicher Baukunst in Österreich. Bibliothek mit rund 40.000 Bänden. Größter mittelalterlicher Kreuzgang Österreichs. www.stift-lilienfeld.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2018)