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Donaufestival: Engel mit Uhr, Muskeltraining mit Moral

Tryptophan gefällig? An der Bar im Fitnesscenter bei "Medusa Bionic Rise".
Tryptophan gefällig? An der Bar im Fitnesscenter bei "Medusa Bionic Rise".Donaufestival/David Visnjic

Es geht um »endlose Gegenwart« – und auffallend oft um Körperlichkeit: Das Donaufestival in Krems hat spannend angefangen.

Dieses so nette wie unaufgeräumte Hipster-Wohnzimmer mit quietschiger Videoreflexion hat man doch in irgendeinem Kunstraum, in irgendeiner Ausstellung schon gesehen! Dass man sich das denkt angesichts der Installation „Premise Place“ in der Kunsthalle Krems, daran ist wohl auch Thomas Edlinger, Intendant des Donaufestivals, schuld.

Er hat einem die Déjà-vu-Erlebnisse quasi aufgelegt mit dem heurigen Motto des Festivals: „Endlose Gegenwart“, damit ist unter anderem das Gefühl gemeint, dass es nichts Neues gibt unter der Sonne. Auch nicht oder schon gar nicht in der Kunst.

Oder doch? Man muss halt genau schauen. Dann sieht man z. B. im „Premise Place“ einen Engel mit Fußball auf dem Kopf und einer Uhr am Arm. Und das irritiert: Ein Engel mit Armbanduhr, das ist noch ärger als ein Sandalenfilm-Komparse mit einer solchen, das ist mehr als ein Anachronismus, so ein Engel ist doch ein achronisches, zeitloses Wesen!

Garten der Wünsche

Manchmal muss man genau schauen, manchmal muss man sich Zeit lassen. Etwa im „Polysomnogarden“, den Marina Gioti ins Forum Frohner gebaut hat: Es plätschert und plauscht in diesem Garten, sogar die Blätter an der Wand atmen, dem Brunnen sieht man an, dass jederzeit ein Froschkönig aus ihm steigen kann, und die Eule an der Wand, muss sie nicht verwunschen sein? Der Garten soll den Schlaf und seine Rhythmen darstellen, liest man, damit wohl auch die Wünsche, die im Traum aufsteigen, gespeist aus organischen Tiefen, aus den Empfindungen und Geräuschen des Körpers . . .

Hysterisch wie schnell vorgespulte Walt-Disney-Filme klingen die „Bug Sounds“ – erzeugt durch ein Hirschkäfergeweih als Tonabnehmer auf einer Schallplatte –, verstörend wirkt die Installation „Ad Lib.“: Ein medizinisches Beatmungsgerät beatmet Orgelpfeifen, man hört angeblich ein Fragment aus Brahms' „Deutschem Requiem“. Wer oder was atmet hier, und wird er/es nie ruhen?

Mitmachtheater im Fitnessstudio

Auf viel trivialere – und natürlich aufwendigere – Weise widmet sich die erste große Performance des Festivals dem Körperlichen: Die deutsche Gruppe The Agency hat für „Medusa Bionic Rise“ eine Art Trainingscamp installiert, in das die Besucher nach kurzer Kontrolle des Muskeltonus eingelassen werden. Dort geht's dann zu wie in einer Parodie auf ein Fitnesscenter, bereits Gestählte keuchen und trainieren zu rhythmischen Befehlen („Higher!“, „Sweat!“, „Keep breathing!“, „Enjoy the pain!“), an einer Bar darf man ein Schlückchen Tryptophan (eine im Bodybuilding-Business beliebte Aminosäure) aus einer Phiole trinken, und wenn man Glück hat, wird man in ein Separee gebeten, um dort z. B. unter Anleitung Sit-ups zu vollziehen.

Das wäre ja nettes, wenn auch nicht sonderlich gut choreografiertes Mitmachtheater, leider wird dazu dick Moral aufgetragen, und zwar gleich doppelt. In Videos werden Barbiepuppen mit maschinenartigen Legofiguren (Bionicles) zusammengebastelt, man hört Neunzigerjahre-Geschwätz über Cyberwesen und Transhumanismus. Und in sehr amerikanisch anmutenden Testimonial-Szenen erfährt man, dass Magersucht und Fitnesswahn gar nichts Gutes sind. Nachbarin, euer Tryptophan-Fläschchen!

Die stimmigste Passage von „Medusa Bionic Rise“ ist, als die Athleten zu einem Work-out „Fat! Carbs! Protein!“ skandieren, was an die deutschen Techno-Pioniere Kraftwerk erinnert und wohl auch erinnern soll.

Nebel, Blitze, Techno

Womit wir beim Musikprogramm wären, das, wie gewohnt beim Donaufestival, dicht, fordernd und oft sehr laut ist. Es begann, wie alljährlich in dieser endlosen Gegenwart, mit Nebel und Blitzen in der säkularisierten Minoritenkirche, durch die diesmal die kunstvoll zerschellenden Techno-Beats und hallenden Dancefloor-Chöre von Lanark Artefax drangen, gewaltig und kunstvoll mit Videobildern synchronisiert. Das sei „posthumane Musik“, sagt das Programmheft, etlichen Menschen hat's trotzdem gut gefallen, mehr wahrscheinlich als die ziellosen Improvisationen des Trios Mopcut, dem das passiert, was dem Freejazz spätestens Ende der Siebzigerjahre passiert ist: Wer immer partout ekstatisch und exzessiv sein will, wirkt bald fad.

Das kann man von Godspeed You! Black Emperor nicht behaupten, die ein rätselhaftes Rufzeichen mitten im Namen tragen, in ihren Stücken aber die Aus- und Anrufungen langsam angehen, allmählich aufbauen, vom Schwelgen ins Schwärmen ins Schreien steigern, sodass man mitschwelgen, -schwärmen und -schreien würde, wenn das nicht doch ein bisserl uncool wäre. Cool ist dieses kanadische Kollektiv nie, seine zentrale Form ist die Hymne, freilich eine übersteigerte, verzweifelte Hymne. Darin ähnelt es den – ebenfalls kanadischen – Kollegen von Arcade Fire, nur dass diese die Inbrunst in Songs packen (und dadurch im besten Fall noch verdichten). Bei Godspeed You! Black Emperor tritt an die Stelle der Songs die alte Hippie-Idee der langen Reise, der endlosen Trips.

Der lange Marsch

Wobei man bei ihnen lieber von einem langen Marsch sprechen würde, im Sinn von Milan Kundera, der diesen als Urbild des spezifisch linken Kitsches sah. An diesen schrammen sie bisweilen, wenn sie auf dem Videoschirm Bilder von demonstrierenden Massen zeigen, die in ihrer Gewalt berühren, ohne dass man weiß, wogegen oder wofür hier gekämpft wird. Aber das ist wohl auch das Problem bei Hymnen ohne Worte und bei jeder Programmmusik, von der man das Programm nicht kennt.

Jedenfalls packend – und gar nicht posthuman. Das Ohrensausen und der Muskelkater (wegen der 60 Sit-ups) kommen am nächsten Tag, so ist das bei uns Wesen mit (zumindest inneren) Uhren.

 

Das weitere Programm

Das Donaufestival findet noch am 28. und 29. April und dann am nächsten Wochenende, von 4. bis 6. Mai, statt.

Musikprogramm: Zonal feat. Moor Mother (28.4.), Venetian Snares & Daniel Lanois (29. 4.), James Holden & The Animal Spirits (4. 5.), Mouse on Mars (5. 5.), Scout Niblett, Deerhoof (6. 5.) u.v.m.

Performances: Liquid Loft, „Church of Ignorance“ (29. 4.); Rudi van der Merwe, „Trophée“ (5. und 6. 5., in Grafenegg); Barbis Ruder, „Channeling #likemetoo“ (4. und 5. 5.) u.v.m.