Die Rendite von US-Anleihen hat den Aktienmarkt diese Woche gebeutelt. Psychologie spielt dabei eine Rolle.
An Anlässen für Panik gibt es bei Anlegern keinen Mangel. Einmal ist es irgendeine neue Facette in der Geopolitik, einmal ein drohender Handelskonflikt, einmal die Gewinnwarnung eines Konzerns oder ein Konjunkturabschwung. Diese Woche dann war es die Furcht vor einem, gerade auch ölpreisbedingten Anstieg der Teuerung, sodass die Rendite zehnjähriger US-Anleihen – der weltweit wichtigste Anleihenindikator – zum ersten Mal seit Anfang 2014 auf über drei Prozent kletterte.
Die Marke gilt als psychologisch wichtig, da ab diesem Niveau die hohen Aktienbewertungen infrage gestellt werden. Der US-Aktienleitindex Dow Jones verlor daher am Dienstag 600 Punkte. Freilich, nicht nur die Inflationssorge trieb die Anleihenrendite an, weil Investoren eine schnellere Leitzinserhöhung (mit höheren Kreditkosten sowie einem stärkeren Dollar) und damit höhere Zinsen für US-Anleihen kommen sehen. Auch die Steuersenkung trug dazu bei, weil sie auf Pump finanziert wird und daher zusätzliche Anleihenemissionen in Billionenhöhe erfordert.
Mit dem Anstieg der Anleihenrenditen – die dann am Donnerstag und Freitag wohlgemerkt wieder etwas fielen – ist jedenfalls die Nervosität auf den Aktienmärkten wieder kurz gestiegen. Das war schon Anfang Februar so gewesen, als die Rendite für US-Anleihen 2,7 Prozent erreicht und die Aktienmärkte erschüttert hatte. Seither schielen Aktieninvestoren argwöhnisch auf den US-Anleihemarkt.
Bei aller Nervosität ist freilich festzuhalten, dass unter Ökonomen umstritten ist, wie sich das Zusammenspiel von Inflation und Anleihenrenditen auf die Märkte auswirkt. Unter anderem kursiert die Ansicht, dass rauere Zeiten auf dem Aktienmarkt erst anbrechen, wenn die Renditen der US-Anleihen auf über 3,5 bis vier Prozent steigen. Die Drei-Prozent-Marke sei nichts als eine „nette runde Primzahl der besonderen psychologischen Art“, schrieb Rabobank-Stratege Michael Jeder an seine Kunden: „Als wir gegen Ende 2013 drei Prozent durchbrachen, folgte darauf rasch ein Rückfall auf 1,36 Prozent Mitte 2016.“
Also keine Panik? Nun, der Unterschied zwischen der Gewinnrendite des Aktienindex S & P 500 und der von zehnjährigen US-Anleihen liege nahe dem niedrigsten Niveau seit acht Jahren, so Chris Verrone, Analyst von Strategas Research Partners, zu Bloomberg: Seit der Finanzkrise hätten Aktien deutlich mehr gebracht als festverzinsliche Papiere. Bei einem Anstieg der US-Rendite über drei Prozent könne es hier Verschiebungen geben. Est
("Die Presse am Sonntag", Print-Ausgabe, 29. April 2018)