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Jugendlicher Shakespeare zum Verlieben

„Wherefore Love – Shakespeare, ein Jugendtraum“ heißt diese neunte Musiktheaterproduktion von „Jugend an der Wien“ – und sie ist zum Verlieben.
„Wherefore Love – Shakespeare, ein Jugendtraum“ heißt diese neunte Musiktheaterproduktion von „Jugend an der Wien“ – und sie ist zum Verlieben.(c) Herwig Prammer
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Kritik Im Theater an der Wien spielen und singen junge Leute Shakespeare: Das gelingt nicht perfekt, aber macht Spaß, hat Tiefgang und Herz.

Amor reicht's. Die Liebe auf den ersten Blick, die er mit seinen Pfeilen so gern stiftet, hat technisches K. o. erlitten. Auf dem Schulhof starren alle nur auf Dating-Apps und Social Media. Wenn Mendelssohns „Hochzeitsmarsch“ sich hübsch kakofon mit dem Brautchor aus Wagners „Lohengrin“ überblendet und sich alle in Selfie-Posen werfen, dann wird auch musikalisch klar, dass es an Harmonie fehlt. In Shakespeares „Midsummer Night's Dream“ ist es der Kobold Puck, der Gefühlsverwirrungen stiftet. Im Theater an der Wien will Puck (Samia Mazic) der menschlichen Liebe auf den Grund gehen. Dabei begegnet er nicht nur dem Personal aus „seinem“ Stück, sondern auch anderen Shakespeare-Figuren.

„Wherefore Love – Shakespeare, ein Jugendtraum“ heißt diese neunte Musiktheaterproduktion von „Jugend an der Wien“ – und sie ist zum Verlieben. Seit Oktober hat Regisseur Daniel Pfluger mit 50 jungen Leuten zwischen 14 und 24 ein Stück auf Shakespeare-Basis entwickelt, zu dem mit Dirigent Raphael Schluesselberg passende Musiknummern vom Barock bis ins 20. Jahrhundert ausgewählt wurden. Herausgekommen ist ein kleines Wunder an tragfähiger Dramaturgie und klingenden Überraschungen, dem man weitere Vorstellungen wünschen würde.

 

Hamlet mag sich nicht entscheiden

Zugegeben, der Sologesang hinkt im Niveau dem Schauspiel oft nach. Aber insgesamt versprüht diese Auseinandersetzung mit Spielarten, Mühen und Hindernissen der Liebe nicht nur Charme und Energie, sondern besitzt auch Dringlichkeit und Tiefe. Da werden erhabene Verse mit altersgemäßen Kraftausdrücken angereichert oder Musiknummern poetisch neu gedeutet, etwa Schumanns „Er, der Herrlichste von allen“ als Liebesduett zweier Burschen. Glaubwürdig schaukeln sich die Emotionen der beiden starken „Sommernachtstraum“-Paare hoch, vergnüglich geraten die Häkeleien von Beatrice und Benedikt: Klara Howorka zeichnet sie als emanzipierte Comedian, Gerrit Raabe gibt ihn als Macho, der sich nicht mit Political Correctness aufhalten will – ein Traumpaar, natürlich.

Der markante Hamlet Fabian Huster gehört dagegen zur „Generation Maybe“: Sein oder Nichtsein, dauernd diese Entscheidungen! Stark die stumme Szene, in der er und Ophelia trotz akrobatischer Verrenkungen die Lippen nicht voneinander lösen – und wunderbar, was Choreografie und Pantomime zum Finale aus Poulencs „Concert champêtre“ (Cembalo: Florian Reithner) erzählen können. Zettel Anton Puscha räumt mit einem über Stimmfach- und Gendergrenzen hinwegstürmenden Liebesliedermedley ab, bevor Schluesselberg Ensemble und Oberstufenorchester des Musikgymnasiums Wien sicher und zündend durch die „Falstaff“-Schlussfuge führt – weil die Liebe aus uns allen Narren macht. Frenetischer Jubel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2018)