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Der Klettermuskel und ein bisschen Detox

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Ob mit Fingern in Felsritzen oder beim Sichern am Seil: Der Alltag ist beim Klettern ganz weit weg.

Die Finger stecken in einer Felsritze, der rechte Fuß sucht gerade nach einem Tritt, um den nächsthöheren Haken zu erreichen. Jetzt nur bloß nicht wegrutschen, ruhig bleiben, einige Male tief durchatmen („Lächeln“ empfiehlt der Kletterlehrer). Das Seil ist drin, das Ziel der Kletterroute („Hase mit Thymian“) ist nun direkt vor Augen. Der Alltag? Weiter weg denn je, nicht nur, weil zwischen Wien und dem andalusischen Nest El Chorro tatsächlich gut 2000 Kilometer liegen, sondern auch, weil man beim Klettern einfach vollste Konzentration braucht – unten, als Sichernder, mit dem Seil in der Hand genauso wie oben, in der Wand.

Zumindest ich habe bisher keine Sportart gefunden, bei der man so mühelos vom Alltag abschaltet wie beim Klettern. Man ist hundertprozentig im Jetzt, alles andere rückt für den Moment in den Hintergrund. Der Fels verlangt volle Aufmerksamkeit, man muss alle paar Sekunden eine Entscheidung treffen, und die dann mit Entschlossenheit umsetzen. Weiter, und wenn ja: wie? Nicht umsonst sagte einst die deutsche Kletterlegende Wolfgang Güllich, das Gehirn sei der wichtigste Muskel beim Klettern. (Die anderen Muskeln spürt man natürlich auch, als Anfänger vor allem die Unterarme. Und manche Muskeln spürt man nicht mehr so wie sonst – an die fiesen Büroverspannungen im Nacken etwa kann man sich nach einigen Tagen nicht einmal mehr erinnern.

Die beim Schreiben dieser Kolumne freilich wieder ansatzweise da sind: Zeit ist's für eine Wand!) Das mit dem Abschalten hat wohl auch einiges damit zu tun, dass man das Telefon an solchen Klettertagen kaum je aus dem Rucksack holt. Wenn überhaupt, dann nur für ein bisschen Panorama. Und natürlich für die Ziegenherde, die Nachbar Pepe jeden Nachmittag unten am Felsen vorbeitreibt und die mit Määäh und Gebimmel das Ende des Klettertags einläutet.

E-Mails an: bernadette.bayrhammer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2018)

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