Stephanie Pflaum: Die Kunst der Behübschung

Behübschung. Für Stephanie Pflaum spiegelt der Begriff die Mechanismen des Überlebens wider.
Behübschung. Für Stephanie Pflaum spiegelt der Begriff die Mechanismen des Überlebens wider.(c) Patricia Weisskirchner

In ihrer künstlerischen Arbeit interessiert sich Stephanie Pflaum für bedeutungsvolle Zwischenräume. In diesen Bildern bereichert sie ihre Installationen mit echtem Schmuck.

Stephanie Pflaum (Jahrgang 1971) kommt eigentlich von der Malerei. Sie studierte in den 1990er-Jahren bei Christian Ludwig Attersee an der Angewandten und machte 1998 bei ihm das Diplom. Vereinzelt findet sich in der einen oder anderen Sammlung auch noch ein klassisches Tafelbild von ihr – klassisch in dem Sinn, dass es der Zweidimensionalität verpflichtet, mit Pinsel, Farbe und Harzen bearbeitet ist und, ganz comme il faut, eine rechteckige Rahmenform hat. Doch die junge Künstlerin verabschiedete sich rasch von den Prinzipien der klassischen Malerei.

Heute existieren die Bilder aus der Zeit großteils nur noch in Form von Asche: Abgefüllt in gläserne Urnen ist sie das Resultat einer radikalen Verbrennungs- und Reinigungsaktion, mit der sich Stephanie Pflaum vor rund zehn Jahren von ihrem Frühwerk befreite. Auf geschwungenen goldenen Holztäfelchen sind feinsäuberlich jeweils die Entstehungszeiträume vermerkt. So viel Ordnung muss sein. Ordnung ist denn auch eine zentrale Kategorie für Stephanie Pflaums Arbeit: Als Zustand stellt sie gleichsam ex negativo einen Gegenpol zum Chaos dar, als Methode beschreibt sie den kreativen Prozess des Ordnens und Anordnens.

„Ich fing an, mit Stoffen zu arbeiten und dann auch mit anderen Materialien und ging so immer mehr in die Dreidimensionalität“, sagt Stephanie Pflaum rückblickend. Sie entwickelt bald schon eine extrem aufgeladene, verdichtete Materialsprache, die gleichermaßen präsent wie entrückt daherkommt. Die Bilder werden mehr und mehr zu objekthaften Reliefs, verlassen in einem nächsten Schritt die Wand, um dann im Raum Platz zu nehmen – auf Podesten, Tischen, Ständern, am Boden oder in der Höhe, als Assemblagen und Arrangements, bald geschützt, gerahmt und gefasst, bald schutzlos freiliegend.

Zu guter Letzt füllen sie als überbordende Installationen ganze Räume vom Boden bis zur Decke. In diesem Sinn entwickelt Pflaum 2014 für den Tresor des Kunstforums Wien die Installation „Ort aus Jetzten“ – ein dicht gestalteter Kubus, in den die Betrachter wie in eine betretbare Bühne eintauchen konnten. Im Herbst wird sie ebendort im Rahmen der Japonismus-Ausstellung einen Teeraum als Replik auf eine ebenso faszinierende wie fremde Welt in ihre Symbolsprache umsetzen (10. 10. 2018 bis 20. 1. 2019).

Postmoderne Stillleben. Neben Kleidern, Tüchern, Schuhen, Perlenschnüren, Schmucksteinen und Buchstabenketten verarbeitet Pflaum in ihren Assemblagen viel Kleinteiliges: Kunstblumen und echte Blumen, Früchte, Efeuranken, Weinreben oder Dekorelemente wie beispielsweise Schmetterlingsattrappen, Fransenbänder, Lustersteine, aber auch Kunsthaare, Schläuche, Abgüsse von menschlichen Organen und Körperteilen: Herzen, Hirne, Hände, Gebisse. Manches ist von vornherein dem Verfall preisgegeben. Teilweise helfen Lacke und Dispersionsfarben, die Formen zu stabilisieren und zu konservieren. Sind sie transparent, steigern sie mit ihrem Glanz die Strahlkraft der Objekte, die sie bedecken.

Sind sie fahlweiß, rauben sie den darunter befindlichen Dingen ihre Eigenfarbe. Holzlatten fügen sich zu Gerüsten und geben den Arbeiten Halt. In noch größerem Maßstab gesellen sich letztlich bei den Installationen Möbelstücke und Einrichtungsobjekte dazu: Hocker, Tische, Sessel, Chaiselongues, Zeitungs- und Kleiderständer ebenso wie Lampen oder opulente Bilderrahmen. Jedes Detail hat seine eigene Herkunft, Geschichte und Wertigkeit und ist Ergebnis einer gezielten Recherche. Im Zusammenspiel, das in einem langwierigen Prozess erarbeitet wird, entwickeln die Teile Kraft, erzeugen Stimmungen und Atmosphäre. Stephanie Pflaum beschreibt ihre Praxis als „symbolhafte Verfremdungen und Anreicherungen“. Sprechende Titel wie etwa „Amor Fati – die Freiheit von allem“ oder „Ladezone  – wo nichts war, soll ich werden“ geben den Arbeiten eine inhaltliche Stoßrichtung.

Brüchige Schönheit. „In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit dem menschlichen Dasein an sich – für mich ein ewiger Kreislauf von Aufbau und Zerstörung“, sagt sie. Das zugrunde liegende Prinzip bezeichnet Stephanie Pflaum als „Behübschung“ – ein selbstgewählter Begriff, der für sie die Überlebensmechanismen des Menschen widerspiegelt. „Behübschung hat nichts mit Schönheit, Mode und Schmuck zu tun, sondern umfasst alle Lebensbereiche. Behübscht wird im Inneren wie im Äußeren – in Gedanken ebenso wie im Umfeld, in Politik und Religion. Sie ist die sehnsüchtige Suche nach Ordnung und Sinn. Aber im selben Atemzug ist der Verfall präsent.“ Das klingt fast wie eine zeitgenössische Auslegung des barocken Memento mori. Und in der Tat lassen sich Stephanie Pflaums Materialassemblagen durchaus als postmoderne Stillleben deuten, denen die Morbidität im Sinn eines Wissens um den Kreislauf von Leben und Tod eingeschrieben ist.

Eine starke Antriebskraft stellt für Pflaums Arbeiten die Ambivalenz dar. Innen und Außen, Ordnung und Chaos, Leben und Tod, Schönheit und Lebenswelt sind für sie Gegensatzpaare, um Möglichkeiten zu sondieren. „Es gibt kein Schön und Hässlich. Es gibt kein Richtig und Falsch“, schrieb sie 2016 in einem Text zu ihrer Installation „Zwischenraum der Wahrheiten“. In diesen Zwischenraum vorzustoßen war ihr auch ein Anliegen bei diesem Setdesign. „Es war für mich eine Bedingung, dass der Bruch der Schönheit, der mir in meiner Arbeit wichtig ist, zur Geltung kommt: Die Parallelexistenz von vermeintlicher, offensichtlicher Schönheit und einer Lebensebene, in der Schönheit keine Rolle spielt oder kein Begriff ist.“