Alle sprachen Sonntagabend nur von Miller. Doch nicht Bode war gemeint, sondern Ryan, der US-Goalie. Er brachte Kanada bei der 3:5-Niederlage zur Verzweiflung.
Vancouver. „Es war bestimmt eines der größten Spiele, die ich je gemacht habe“, sagt Ryan Miller und Dutzende amerikanische und kanadische Journalisten schlugen sich um die besten Plätze in der Interviewzone. Miller hatte soeben ganz Kanada einen Schlag versetzt. Der 29-Jährige lässt zufrieden die Fragen der Reporter auf sich einprasseln. Gezählte 42 Torschüsse hat der Teamkollege von Thomas Vanek bei den Buffalo Sabres zunichte gemacht. Sidney Crosby und Co. zerbrachen richtiggehend an dem Hexer im Tor der USA. „Vor allem gegen Ende des Spiels hat er großartig pariert“, streut der kanadische Superstar Miller nach dem Spiel Rosen.
Vor vollem Haus verloren
Dabei waren die Kanadier über das ganze Spiel betrachtet das tonangebende Team. Sie gaben doppelt so viele Torschüsse ab, hatten mehr vom Spiel und schnürten die US-Boys phasenweise minutenlang im eigenen Drittel ein. Doch Miller und ein kurioser Spielverlauf brachten Team Kanada auf seinem Weg zum von allen geforderten Gold gehörig ins Straucheln.
Schon nach 41 Sekunden stand es 1:0 für die USA. Und als Kanada nach neun Minuten endlich den Ausgleich erzielte, schoss Brain Rafalski nur 22 Sekunden später sein zweites Tor an diesem Abend. Immer dann, wenn die 17.000 Fans im ausverkauften Canada Hockey Place das Gefühl hatten, jetzt dreht Kanada das Spiel, setzten die USA aus dem Nichts zum Gegenschlag an. Beim Stand von 3:4 knapp eine Minute vor Schluss setzte Kanada schließlich alles auf eine Karte, nahm Torhüter Brodeur vom Eis. Dass ausgerechnet mit Ryan Kesler ein Spieler der Vancouver Canucks den Kanadiern mit seinem Schuss ins leere Tor zum 5:3 schließlich den Todesstoß versetzte, passt zu diesem denkwürdigen Spiel. „Kanada im eigenen Land zu schlagen, ist etwas Besonderes“, sagte Kesler. Es war die erste Niederlage Kanadas gegen die USA bei einem olympischen Turnier seit 50 Jahren. Dementsprechend emotional wurde der Sieg von den US-Cracks auf dem Eis gefeiert.
Teures „Hassduell“
Und für manche Fans war es eine teure Niederlage obendrein. Denn für das „Hassduell“, wie die kanadischen Medien den Schlager angepriesen hatten, wurden auf dem Schwarzmarkt Preise bis zu 10.000 kanadische Dollar bezahlt. Nur für das Eishockey-Finale können sich die Schwarzhändler noch höhere Preise erwarten.
Um dorthin zu gelangen, muss Kanada nun sogar in die Qualifikationsrunde. „Wir haben nur den längeren Weg zu unserem Ziel gewählt“, gab sich Kanadas Headcoach Mike Babcock nach der Niederlage gelassen und nannte auch den Grund dafür. „Er machte vier, fünf unglaubliche Paraden, und das ausgerechnet heute“, meinte er in Richtung Ryan Miller.
Kanada trifft nun heute auf Deutschland. Und Babcock nimmt die vermeintlich einfache Aufgabe gar nicht auf die leichte Schulter: „Wir spielen nun wie jede andere Mannschaft ums Überleben. Wenn wir verlieren, gehen wir nach Hause.“ Sollte dies tatsächlich passieren, dann wäre das für das Mutterland des Eishockeys eine Tragödie. Aber daran will – noch – niemand glauben.
AUF EINEN BLICK
■Erzfeinde.
Das Eishockey-Duell zwischen Kanada und den USA ist seit jeher ein Kampf zweier Erzfeinde. Karten für das Schlagerspiel der Vorrunde kosteten auf dem Schwarzmarkt bis zu 10.000 kanadische Dollar.
■Matchwinner.
Erstmals seit 50 Jahren konnten die US-Boys die Kanadier Sonntag auf olympischem Eis besiegen. Matchwinner beim 5:3-Triumph war US-Goalie Ryan Miller. Er hat insgesamt 42 Torschüsse der Kanadier zunichte gemacht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2010)