Olympia-Gold für ÖSV: Teamspringer in eigener Liga

Jubel von Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer
Jubel von Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Wolfgang Grebien)
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Österreichs Adler Schlierenzauer, Morgenstern, Loitzl und Kofler erzielen in jedem einzelnen Durchgang die Höchstweite und gewinnen mit einem Rekordvorsprung von über 70 Punkten vor Deutschland.

WHISTLER. Diesmal stört keiner die rotweißrote Party im Olympic Parc von Whistler. Am Fuße der Sprungschanze wehte ein rotweißrotes Fahnenmeer. „Immer wieder Österreich", dröhnt es aus gut geölten österreichischen Kehlen. Keine Schweizer Fahnen, die die Idylle trügen, kein Simon Ammann als Spielverderber. Beim Mannschaftsspringen präsentierten sich die ÖSV-Adler so souverän, wie es eigentlich alle erwartet hatten. Mit einer an Langeweile grenzenden Dominanz holten sich Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer Gold ab.

Nein. Sie haben es erobert. Bei Olympia gibt es nichts abzuholen, das haben Cuche, Vonn und andere Superstars in Vancouver bitter zur Kenntnis nehmen müssen.

Und der größte Gegner der Österreicher war an diesem sonnigen Tag die Jury. Denn in Abwesenheit von Ammann wurde der Anlauf verlängert. Gefährlich verlängert. Das merkte Andreas Kofler, der den zweiten Sprung bei 142 Meter landete und ihn sogar abbrechen musste. Er stand ihn mit lieber Not. Und die Jury verkürzte umgehend den Anlauf.
Es wäre ungerecht zu sagen, die Adler haben ihre Pflicht erfüllt. Denn für jeden dieser Athleten war es ein besonderer Tag, ein großes Ereignis in ihrer Karriere. Für Thomas Morgenstern war es die dritte olympische Goldmedaille. Er steht nun auf einer Stufe mit Skilegende Toni Sailer als erfolgreichster österreichischer Olympionike aller Zeiten. Und für Andreas Kofler ist es immerhin die zweite Goldene im Teambewerb.

Schlierenzauer souverän

Für Loitzl und Schlierenzauer war es eine Premiere. Vor allem für Loitzl, den 30-jährigen Bad Mitterndorfer, war es auch eine Versöhnung mit Olympia. Denn bei seinen vierten Spielen holte er seine erste Medaille und die glänzte in Gold. In Turin 2006 musste Loitzl als fünfter Mann zuschauen, genauso wie in Nagano bei seiner Premiere. Nur in Salt Lake City dürfte er vom Bakken und holte mit dem Team nur Blech.

Emotional war auch Gregor Schlierenzauer. Im dritten Bewerb gewann er die dritte Medaille. Für den erst 20-jährigen Tiroler ein grandioser Abschluss. Und noch einmal zeigte er all seine Klasse. Sprang im ersten 140,5 und im zweiten sogar 146,5 Meter. „Er wird später einmal erkennen, was für eine großartige Leistung er hier erbracht hat", sagte Toni Innauer.

Dass Schlierenzauer bei diesen Spielen im Schatten von Simon Ammann gestanden ist, mag den ehrgeizigen Sportler momentan schmerzen, aber für die Zukunft stärken. „Was macht denn einer, der mit 20 alles gewonnen hat", fragt Innauer. Schlierenzauer hat viel gewonnen, hat sich aber für seine hoffentlich noch lange Karriere noch ein wenig Luft nach oben gelassen.

Während die Adler also in einer eigenen Liga durch die Lüfte flogen, entwickelte sich um Silber und Bronze ein erbitterter Kampf. Und dann sorgte auch noch aufkommender Wind für Spannung. Denn die Menge wartete nur noch auf die letzten drei Springer. Anders Jacobsen, Michael Uhrmann und Gregor Schierenzauer. Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland hauchdünn vor Norwegen die Silbermedaille in der Hand. Dann wurde Jacobsen losgelassen - und flog 140,5 Meter. Uhrmann behielt die Nerven, konterte mit 140 Metern und sicherte Deutschland den ersten Platz hinter Österreich.

Sanfter Griff in den Schnee

Mit einem Lächeln im Gesicht ging Schlierenzauer als Letzter der Konkurrenz vom Bakken. Schon als er vom Schanzentisch abhob, ging ein Raunen durch die Menge. Er flog, und flog und setzte erst bei 146,5 Metern auf, landete mit Ach und Krach aber letztendlich sicher. Nur seine linke Hand griff leicht in den Schnee.

Hundert Meter hätten locker gereicht. So aber deklassierte Österreich den Rest der Konkurrenz, gewann überlegen 72,1 Punkte vor Deutschland. 1998 hatte Japan 35,6 Punkte Vorsprung auf Deutschland - bis 2010 der größte Vorsprung bei Olympia. In jedem einzelnen der acht Durchgänge erzielte ein Österreicher die Höchstweite. Dritter wurde Norwegen. Und Finnland? Die einstige Großmacht in Nordischen Bewerben musste mit Rang vier vorlieb nehmen und hält in Vancouver erst bei einer mageren Bronzemedaille.

Ergebnis

1. Österreich 1107,9 Punkte (Wolfgang Loitzl 138,0 m/138,5 m, Andreas Kofler 132,0/142,0, Thomas Morgenstern 135,5/135,0, Gregor Schlierenzauer 140,5/146,5)

2. Deutschland 1035,8 (Michael Neumayer 137,0/136,5, Andreas Wank 128,5/139,0, Martin Schmitt 128,0/122,0, Michael Uhrmann 135,0/140,0)

3. Norwegen 1030,3 (Anders Bardal 128,0/127,0, Tom Hilde 127,5/139,0, Johan Remen Evensen 131,5/129,5, Anders Jacobsen 138,0/140,5)

4. Finnland 1014,6 (Matti Hautamäki 133,5/130,0, Janne Happonen 128,5/139,0, Kalle Keituri 123,0/132,0, Harri Olli 134,0/134,5)

5. Japan 1007,7 (Daiki Ito 129,5/133,5, Taku Takeuchi 125,5/129,5, Shohei Tochimoto 128,0/132,0, Noriaki Kasai 133,5/140,0)

6. Polen 996,7 (Stefan Hula 129,0/127,5, Lukasz Rutkowski 123,0/127,5, Kamil Stoch 126,5/134,5, Adam Malysz 136,5/139,5)

7. Tschechien 981,8 (Antonin Hajek 129,0/135,0, Roman Koudelka 131,0/135,5, Lukas Hlava 125,0/126,0, Jakub Janda 128,0/129,0)

8. Slowenien 958,8 (Primoz Pikl 124,0/119,5, Mitja Meznar 126,5/131,0, Peter Prevc 132,0/127,5, Robert Kranjec 129,0/139,0)

Nicht für den 2. Durchgang qualifiziert:

9. Frankreich 419,8

10. Russland 414,1

11. USA 340,0

12. Kanada 294,6

("Die Presse", Printausgabe vom 23. Februar 2010)

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