Österreichs Adler Schlierenzauer, Morgenstern, Loitzl und Kofler erzielen in jedem einzelnen Durchgang die Höchstweite und gewinnen mit einem Rekordvorsprung von über 70 Punkten vor Deutschland.
WHISTLER. Diesmal stört keiner die rotweißrote Party im Olympic Parc von Whistler. Am Fuße der Sprungschanze wehte ein rotweißrotes Fahnenmeer. „Immer wieder Österreich", dröhnt es aus gut geölten österreichischen Kehlen. Keine Schweizer Fahnen, die die Idylle trügen, kein Simon Ammann als Spielverderber. Beim Mannschaftsspringen präsentierten sich die ÖSV-Adler so souverän, wie es eigentlich alle erwartet hatten. Mit einer an Langeweile grenzenden Dominanz holten sich Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer Gold ab.
Nein. Sie haben es erobert. Bei Olympia gibt es nichts abzuholen, das haben Cuche, Vonn und andere Superstars in Vancouver bitter zur Kenntnis nehmen müssen.
Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer machten aus dem Olympischen Team-Skispringen eine Machtdemonstration: In jedem einzelnen der acht Durchgänge erzielte ein Österreicher die Höchstweite. Der Vorsprung auf Silbermedaillengewinner Deutschland betrug nicht weniger als 72,1 Punkte - neuer Olympischer Rekord. Bronze ging an Norwegen mit weiteren 5,5 Zählern Rückstand. (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
1998 in Nagano hatte Japan 35,6 Punkte Vorsprung auf Deutschland - bis 2010 der größte Vorsprung bei einem Olympischen Teamspringen. Jetzt haben Österreichs Adler die Bestmarke mehr als verdoppelt: Mit einer fast an Langeweile grenzenden Dominanz holten sie sich Gold ab. (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
Für Wolfgang Loitzl, der damit bei seinen vierten Olympischen Spielen erstmals überhaupt Edelmetall geholt hat, und ... (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Reichart)
... den zweifachen Bronze-Gewinner in den Individualbewerben im Whistler Olympic Park, Gregor Schlierenzauer, war es der erste Olympiasieg. (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
Thomas Morgenstern (ganz rechts) und Andreas Kofler (2. v. links) waren auch schon im Gold-Team vor vier Jahren in Pragelato/Turin. In Vancouver schrieb Morgenstern Olympia-Geschichte, hat er doch den legendären Toni Sailer mit seiner dritten Goldenen eingeholt. (c) Hans Klaus Techt
"Es ist unglaublich, da kommt mir die Gänsehaut, wenn ich daran denke, mit ihm will ich gar nicht verglichen werden, er war Österreichs größter Sportler und das wird er auch immer bleiben", sagte ein glücklicher Morgenstern. "Es ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen, ich freue mich für das ganze Team, dass die harte Arbeit belohnt worden ist. Es hat perfekt angefangen, der Wuff (Spitzname von Loitzl, Anm.) hat einen genialen ersten Sprung hingelegt, die Basis gelegt." (c) AP (Elaine Thompson)
Auch der nunmehrige Doppel-Olympiasieger Andreas Kofler war überglücklich: "Es ist so schön wie beim ersten Mal, von dem Gefühl kann man nie genug bekommen, das brennt sich hinein, ist etwas ganz Besonderes." Kofler steigerte sich nach einem 132-Meter-Flug im zweiten sogar auf 142 Meter, musste dafür auf den Telemark verzichten. "So schlimm war es nicht, ich habe die Kontrolle gehabt." (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Reichart)
Und Thomas Morgenstern (Bild) sorgte mit Sicherheitssprüngen auf 135,5 und 135 vor dem letzten Sprung schon für 70,4 Punkte Vorsprung, ehe Gregor Schlierenzauer als letzter Springer des Bewerbs sein Olympia-Debüt mit Gold perfekt machte. (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Reichart)
Schlierenzauer segelte auf 146,5 Meter hinunter und war dabei einem Sturz sehr nahe. Die Sprungrichter sahen es nicht als solchen, und so konnte er den Vorsprung trotz eines "Fast-Rodler" sogar noch ausbauen. Österreich feierte so einen völlig ungefährdeten Start-Ziel-Sieg. (c) AP (Matthias Schrader)
"Das war heute wirklich zum Genießen, es waren zwei wirklich gute Sprünge, das hätte früher passieren sollen, aber besser jetzt als nie", freute sich Loitzl (ganz links), der mit 138 und 138,5 Metern seine beste Leistung zeigte, nach seinem ersten Edelmetall bei Olympischen Spielen. In seiner langen Karriere war es für ihn bei Olympia noch nie nach Wunsch gelaufen, erst bei den Spielen in Kanada, seinen vierten, wurde er überhaupt erstmals im Einzel eingesetzt. (c) EPA (HANS KLAUS TECHT)
"Ich bin sehr erleichtert", meinte auch der Nordische ÖSV-Direktor Toni Innauer. "Alle vier sind befreiter und merklich besser gesprungen als in den Einzelbewerben." (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Reichart)
Erdrückende Dominanz
Und der größte Gegner der Österreicher war an diesem sonnigen Tag die Jury. Denn in Abwesenheit von Ammann wurde der Anlauf verlängert. Gefährlich verlängert. Das merkte Andreas Kofler, der den zweiten Sprung bei 142 Meter landete und ihn sogar abbrechen musste. Er stand ihn mit lieber Not. Und die Jury verkürzte umgehend den Anlauf. Es wäre ungerecht zu sagen, die Adler haben ihre Pflicht erfüllt. Denn für jeden dieser Athleten war es ein besonderer Tag, ein großes Ereignis in ihrer Karriere. Für Thomas Morgenstern war es die dritte olympische Goldmedaille. Er steht nun auf einer Stufe mit Skilegende Toni Sailer als erfolgreichster österreichischer Olympionike aller Zeiten. Und für Andreas Kofler ist es immerhin die zweite Goldene im Teambewerb.
Schlierenzauer souverän
Für Loitzl und Schlierenzauer war es eine Premiere. Vor allem für Loitzl, den 30-jährigen Bad Mitterndorfer, war es auch eine Versöhnung mit Olympia. Denn bei seinen vierten Spielen holte er seine erste Medaille und die glänzte in Gold. In Turin 2006 musste Loitzl als fünfter Mann zuschauen, genauso wie in Nagano bei seiner Premiere. Nur in Salt Lake City dürfte er vom Bakken und holte mit dem Team nur Blech.
Emotional war auch Gregor Schlierenzauer. Im dritten Bewerb gewann er die dritte Medaille. Für den erst 20-jährigen Tiroler ein grandioser Abschluss. Und noch einmal zeigte er all seine Klasse. Sprang im ersten 140,5 und im zweiten sogar 146,5 Meter. „Er wird später einmal erkennen, was für eine großartige Leistung er hier erbracht hat", sagte Toni Innauer.
"Es ist unglaublich, da kommt mir die Gänsehaut wenn ich daran denke. Mit ihm will ich gar nicht verglichen werden, er war Österreichs größter Sportler und das wird er auch immer bleiben. Es ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen, ich freue mich für das ganze Team, dass die harte Arbeit belohnt worden ist. Es hat perfekt angefangen, der 'Wuff' hat einen genialen ersten Sprung hingelegt, die Basis gelegt. Wir haben alle gewusst, dass wir gut springen können und die Goldmedaille gewinnen können. Wir sind heute auf höchstem Niveau gesprungen, es war nicht leicht, wenn man als größter Favorit ins Rennen geht und eine Silbermedaille schon eine Niederlage wäre." (c) AP (Elaine Thompson)
"Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wir haben uns das hart erkämpft, in den vier Jahren gut gearbeitet, da gehören nicht nur die Trainer im Hintergrund, sondern viele Bausteine dazu. Es war eine gewaltige Stimmung, Gänsehaut, Mega." Zum letzten Sprung: "Die Hand war nicht im Schnee, es war definitiv sehr weit, vielleicht ein bisschen zu viel Anlauf. Ich bin immer besser in Schwung gekommen, es war ein würdiger Abschluss." (c) AP (Matthias Schrader)
"Es ist etwas ganz Besonderes. Vor dem letzten Sprung war die richtige Spannung fast nicht mehr da, weil der Vorsprung schon so groß war. Wir haben nur darüber geschätzt, wie weit der Schlieri springt. Ich habe mich letztes Jahr schon selbst belohnt für eine lange Zeit, das ist jetzt die Draufgabe. Drei Olympische Spiele, wo ich nichts zusammengebracht habe, jetzt die Goldene, das ist etwas Feines." (c) AP (Matthias Schrader)
"Es ist so schön wie beim ersten Mal, von dem Gefühl kann man nie genug bekommen, das brennt sich hinein, ist etwas ganz Besonderes. Den Einzelbewerb habe ich abgehakt, versucht vorwärtszuschauen. Ich habe mich heute steigern können und freue mich noch auf die restliche Saison." (c) EPA (PATRICK SEEGER)
"Es war sehr relaxt, es war so viel Sicherheit und Klarheit da bei der Mannschaft. Die letzte Woche war schwierig, heute haben wir alles auf eine solide Basis gestellt, alle waren mit Freude dabei. Gratulation an alle. Es ist eine Riesengenugtuung nach der harten Zeit. Wir haben gezeigt, dass wir auch in schwierigen Zeiten noch besser agieren können. Wolfgang Loitzl, der sich hart getan hat in der vergangenen Woche, hat mit seinem Startsprung für die letzte Sicherheit gesorgt, dann sind alle entfesselt gesprungen. Ich habe nicht zittern müssen, sondern den Bewerb genießen können. Ich freue mich auf die Zukunft und auf das heutige Feiern." (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
"Das war ein weiterer Schritt, wir haben noch nie geschafft, in jedem Bewerb eine Medaille zu holen. Dass es in den zwei Einzelbewerben nicht ganz gereicht hat zu Gold, zeigt, dass wir uns weiterentwickeln können, und dass auch ich mich weiterentwickeln kann. Man muss selbst Sicherheit ausstrahlen als Trainer. Ich habe nie gezweifelt, dass wir Gold holen. Die letzte Woche hat abgefärbt. Obwohl ich trotzdem ruhig agiert habe, es war eine Extremsituation." Zur Bindungsdiskussion um Simon Ammann: "Ich bin froh, dass ich nicht darüber hinweggeschaut habe. Aber es war gut, dass man daraus gelernt hat, dass man eleganter agieren könnte." (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
"Ich bin sehr glücklich, man hat gesehen, wie stark das Team ist. Es war ein historischer Vorsprung, das gesamte Team hat sich sehr gut präsentiert und gezeigt, dass es die Nummer eins ist. Wir haben drei Goldene, das ist kein Grund zum Jammern, und außerdem kommen noch zehn Bewerbe, in denen wir Medaillen machen können." (c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
"Ich bin sehr erleichtert, denn das ist ein Mikadospiel. Wir sind das stärkste Team, aber das muss man rüberbringen. Alle sind heute befreiter und merklich besser gesprungen als in den Einzelbewerben. Mit Gold und zweimal Bronze müssen wir zufrieden sein. Gregor hat heute seine besten Sprünge hier gezeigt." (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Thomas Bachun)
"Österreichs Olympiateam ist so richtig auf Touren gekommen. Das muss spätestens nach dem souveränen Goldmedaillengewinn unseres Springerteams jeder Sportfan in Österreich erkennen! Wir halten nun bei neun Medaillen, ich bin überzeugt, dass dieser Olympiatitel, den insgeheim jeder erhofft hat und zu dem ich herzlich gratuliere, die Initialzündung für eine ganze Reihe weiterer Medaillen liefert." (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
"Das Springerteam hat heute Nervenstärke bewiesen und den Bewerb souverän mit Rekordvorsprung für sich entschieden. Damit konnten sie erfolgreich Olympia-Gold im Mannschaftsbewerb verteidigen. Ich gratuliere herzlich und wünsche weiterhin alles Gute." (c) GEPA pictures (GEPA pictures/ Andreas Reichart)
Auch der Bundespräsident übermittelte den Gold-Adlern seine Glückwünsche: "Jeder Ihrer Sprünge war sensationell. Zusammen haben sie einen Rekordvorsprung bedeutet. Ihr Erfolg ist umso bemerkenswerter, weil die Erwartungshaltung sehr hoch war und Sie diese noch übertroffen haben. Ganz Österreich freut sich mit Ihnen!" (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)
''Gewaltige Stimmung, Gänsehaut, Mega''
Dass Schlierenzauer bei diesen Spielen im Schatten von Simon Ammann gestanden ist, mag den ehrgeizigen Sportler momentan schmerzen, aber für die Zukunft stärken. „Was macht denn einer, der mit 20 alles gewonnen hat", fragt Innauer. Schlierenzauer hat viel gewonnen, hat sich aber für seine hoffentlich noch lange Karriere noch ein wenig Luft nach oben gelassen.
Während die Adler also in einer eigenen Liga durch die Lüfte flogen, entwickelte sich um Silber und Bronze ein erbitterter Kampf. Und dann sorgte auch noch aufkommender Wind für Spannung. Denn die Menge wartete nur noch auf die letzten drei Springer. Anders Jacobsen, Michael Uhrmann und Gregor Schierenzauer. Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland hauchdünn vor Norwegen die Silbermedaille in der Hand. Dann wurde Jacobsen losgelassen - und flog 140,5 Meter. Uhrmann behielt die Nerven, konterte mit 140 Metern und sicherte Deutschland den ersten Platz hinter Österreich.
Sanfter Griff in den Schnee
Mit einem Lächeln im Gesicht ging Schlierenzauer als Letzter der Konkurrenz vom Bakken. Schon als er vom Schanzentisch abhob, ging ein Raunen durch die Menge. Er flog, und flog und setzte erst bei 146,5 Metern auf, landete mit Ach und Krach aber letztendlich sicher. Nur seine linke Hand griff leicht in den Schnee.
Hundert Meter hätten locker gereicht. So aber deklassierte Österreich den Rest der Konkurrenz, gewann überlegen 72,1 Punkte vor Deutschland. 1998 hatte Japan 35,6 Punkte Vorsprung auf Deutschland - bis 2010 der größte Vorsprung bei Olympia. In jedem einzelnen der acht Durchgänge erzielte ein Österreicher die Höchstweite. Dritter wurde Norwegen. Und Finnland? Die einstige Großmacht in Nordischen Bewerben musste mit Rang vier vorlieb nehmen und hält in Vancouver erst bei einer mageren Bronzemedaille.
Ergebnis
1. Österreich 1107,9 Punkte (Wolfgang Loitzl 138,0 m/138,5 m, Andreas Kofler 132,0/142,0, Thomas Morgenstern 135,5/135,0, Gregor Schlierenzauer 140,5/146,5)
2. Deutschland 1035,8 (Michael Neumayer 137,0/136,5, Andreas Wank 128,5/139,0, Martin Schmitt 128,0/122,0, Michael Uhrmann 135,0/140,0)
3. Norwegen 1030,3 (Anders Bardal 128,0/127,0, Tom Hilde 127,5/139,0, Johan Remen Evensen 131,5/129,5, Anders Jacobsen 138,0/140,5)
4. Finnland 1014,6 (Matti Hautamäki 133,5/130,0, Janne Happonen 128,5/139,0, Kalle Keituri 123,0/132,0, Harri Olli 134,0/134,5)
5. Japan 1007,7 (Daiki Ito 129,5/133,5, Taku Takeuchi 125,5/129,5, Shohei Tochimoto 128,0/132,0, Noriaki Kasai 133,5/140,0)
Olympiasieger zu sein ist nicht nur lustig. Der Sprung selbst ist weniger anstrengend als der Parcours, der auf die Goldgewinner wartet. Die ÖSV-Adler absolvieren den ganz gewöhnlichen olympischen Horrortrip.